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Von Balanchine bis Neumeier

George Balanchine/Michèle Anne de Mey/Demis Volpi/Hélène Blackburn/John Neumeier: Vier neue Tem­pera­mente

TanzPremiere:  (UA)   Theater: Deutsche Oper am Rhein
Foto: Bettina Stöß 
Von Ulrike Kolter am 04.06.2022

Demis Volpi, Ballettchef der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg, ist nicht nur ein begabter Erzähler in Sachen Handlungsballette wie zuletzt bei „Geschlossene Spiele“ nach einem Schauspiel von Julio Cortázar. Auch die Programmdramaturgie seiner zweiten Spielzeit am Rhein erfreut, und führt dem Publikum – zugänglich verpackt – die stilistische Vielfalt dessen vor Augen, was Ballett und Tanz heute alles sein kann.

So auch in der jüngsten Premiere, dem üppigen Fünffachabend „Vier neue Tem­pera­mente“, der mit drei Stunden im vollbesetzten Haus endlich wieder bot, was Theater und Publikum zu lang missen mussten, inklusive Live-Einsatz der Düsseldorfer Symphoniker und der famosen Konzertpianistin Alina Bercu.

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Entsprechend euphorisch war die Stimmung – und die Neugier aufs Konzept, in dem George Balanchines Klassiker „Die vier Temperamente“ vier weiteren Stücken vorangestellt wurde, die wiederum für sich je eines der antiken Temperamente choreografisch umsetzten: Die Trägheit des Phlegmatikers, die Lebensfreude des Sanguinikers, die Wut des Cholerikers und die Traurigkeit des Melancholikers. In der Choreograf:innen-Auswahl zeigte Volpi ein Händchen, verpflichtete Michèle Anne de Mey, langjährige Weggefährten von Anne Teresa de Keersmaeker neben der kanadischen Choreografin Hélène Blackburn und – als Coup – John Neumeier, und steuerte selbst eine Uraufführung bei. Die Zuteilung der Temperamente wurde vorab entschieden – und passte trefflich zu den jeweiligen stilistischen Handschriften.


Neoklassik auf Top-Niveau: George Balanchine

Man sollte sich vergegenwärtigen, dass George Balanchines „Die vier Temperamente“ bereits 1946 in New York uraufgeführt wurde, vor fast 76 Jahren. Und auch, wenn die typischen neoklassischen Brüche – abgeknickte Gliedmaßen, vor- und zurückkippende Hüfte, angewinkelte Knie auf Spitze – unserem Tanzvielfalt gewohnten Auge nicht mehr auffallen: Sie waren mal revolutionär. Eher spielerisch setzt Balanchine die Charaktertypen um, nicht immer sind sie in den vier Variationen erkennbar, die das Ballett am Rhein in Bestform darstellt: Virtuosität auf Spitze, Sprünge und Drehungen in Paar- und Triokonstellationen, herausragend zu nennen sind Rashaen Arts als zunächst kraftvoll, dann in sich zusammenbrechender Melancholiker und Gustavo Carvalho, der mühelos über einen flink-wechselnden Arm-Parcours der Tänzerinnen steigt.


Michèle Anne de Mey: „Phlegmatic Summer“

Stilbruch, Epochenwechsel: eine Filmleinwand mit Meereswellen, rauschender Klangteppich. Ein barfüßiger Tänzer steht gequält davor, man hört Stimmengewirr von Kinder- und Erwachsenenalltagsnöten. Die Belgierin Michèle Anne de Mey zeigt in ihrer Uraufführung „Phlegmatic Summer“ nicht ein Individuum, sondern das Kollektiv in seiner ganzen Trägheit. Eine homogene Masse in grau-blauen Kleidern (Kostüme: Stefanie C. Salm) wankt wellenförmig, kriecht übereinander, Köpfe schwanken hin und her. Zu Bruchstücken von Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ bildet das Ensemble bald eine Reihe, läuft vorwärts und rückwärts, einzelne Tänzer:innen fallen zu Boden. Wem wird geholfen, wer wird aufgehoben, wer bleibt zurück? Nimmt eine phlegmatische Gesellschaft das Fehlen des Einzelnen überhaupt wahr?


Demis Volpi: „Sanguinic: con brio”

Hausherr Volpi reißt uns mit einem temporeichen Meisterstück aus der Lethargie hinein in sanguinische Farb- und Lebensfreude. In knallbunten Kostüme exerzieren seine Tänzer:innen mit weitschweifenden Arm- und Beinabfolgen die 5. Position des klassischen Balletts durch, variieren sie mit sichtlichem Spaß. Als kongeniales Finale folgt die tänzerische Umsetzung von Steve Reichs „Clapping Music“ für zwei Paar klatschende Hände (Perkussion: Thomas Steimer, Dirk Neuner), dessen rhythmisches Achtel-Motiv in atemberaubendem Tempo von den Tänzer:innen aufgenommen wird. Da wirbeln die Arme so schnell, dass Farbkreise erscheinen...! Einhellige Begeisterung beim Publikum.


Hélène Blackburn: „Choleric“

„Ohne Wut kein Aufstand, und ohne Aufstand keine Veränderung“ sagt die kanadische Choreografin Hélène Blackburn. Wut ist für sie die zentrale Triebkraft des Cholerikers, die sich in ihrem Stück durch Fauchen, Stampfen und die stets in sich gekrampften Hände manifestiert. Im düsteren Ambiente treten die Tänzer mit offenen schwarzen Hemden in die Scheinwerferkegel, die Tänzerinnen tragen lang eingeschlitzte schwarze Kleider (Bühne, Kostüme: auch Hélène Blackburn), man assoziiert Michael Jacksons „Thriller“-Szenerie... Faszinierend ist, wie urbane und klassische Elemente ineinandergreifen, etwa wenn eine Tänzerin fast aggressiv auf Spitze trippelt, dabei aber lässig ihre Arme und Hände herabhängen. Zu elektrischen Beats und jazzigen Klavier-Sequenzen entfaltet sich die ganze Kraft des Cholerischen, bis ins sprichwörtliche „Zittern vor Wut“ des ganzen Ensembles. Famos.


John Neumeier: „from time to time“

Wer des Altmeisters Neukreation sehen wollte, musste ausharren bis zum Schluss: John Neumeier, dienstältester Ballett-Chef der Welt, stellte mit „from time to time“ unter Beweis, dass er auch mit 83 Jahren noch Bühne, Kostüm, Licht und Tanz überführen kann in große Bühnenemotionen. Neumeiers Melancholiker ist in Erinnerungen gefangen, durchlebt seine Trauer im Vermissen von vergangenem Familienglück. Hinter einer Scheibe sitzen Eltern und Bruder zu Tisch; weit davor und getrennt von ihnen durch Zeit und Raum, greifen Julio Morels Umarmungen ins Leere, spannt er seine Arme aus ins Nichts, was uns die Sehnsucht mehr fühlen macht als alle Pas de deux der Welt. Nach und nach tritt seine Familie hervor, wehrt alle Annäherungsversuche brutal ab, und auch eine vermeintliche Liebe bring keine Erlösung... John Neumeier hat hier ein kleines Kammerspiel geschaffen, das vor allem in den vertrauten Szenen zwischen dem Melancholiker und seinem jugendlichen Pendent (Evan L'Hirondelle) verzaubert. Aussöhnung mit der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Kind? Am Ende bleibt Morel allein zurück, eingekrümmt unterm Tisch liegend… Im tobenden Applaus zieht sich John Neumeier sichtlich bewegt hinter seine Tänzer zurück.

Die Welt erlebt düstere Zeiten, warum sollte man das Publikum nicht melancholisch entlassen? Ein herausragender Abend, der keine Minute zu lang ist.

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