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Vom plötzlichen Verfertigen von Bildern beim Singen

Georg Friedrich Händel, Henry Purcell: The Gods must be crazy

MusiktheaterPremiere:  (UA)   Theater: Theater Krefeld Mönchengladbach
Regie: Kobie van Rensburg  Musikalische Leitung: Yorgos Ziavras   Foto: Matthias Stutte   
Videotrailer und Fotostrecke auf der Homepage des Theaters Krefeld Mönchengladbach
Von Andreas Falentin am 20.05.2016

Seit 2012 betreibt das Theater Krefeld Mönchengladbach in Kooperation mit der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf das ausschließlich durch Sponsorengelder finanzierte Opernstudio Niederrhein, das zur Zeit vier junge Sänger und zwei Pianisten und Dirigenten für den Opernbetrieb aus- und weiterbildet. Auffällig ist, dass die für und mit den Mitgliedern des Opernstudios erarbeiteten Studioaufführungen sich in den letzten Jahren sämtlich zu Höhepunkten des Musiktheaterspielplans entwickelt haben. Das gilt für die  mit viel Drive und  absurdem Humor präsentierte „Vier Ton Oper“ des Feldman – Schülers Tom Johnson in der vorletzten Spielzeit wie für das ungewöhnliche Spielfreude mit hauchzarter Melancholie überzuckernde Operettenpasticcio „Wär nur die Sehnsucht nicht so groß“ vor einem Jahr. Dieses Jahr widmete man sich, auf ausdrücklichen Wunsch der jungen Sänger, der Barockoper. Kobie van Rensburg, einst selbst renommierter Tenor im Mozart- und Barockfach und in Mönchengladbach gefeierter Regisseur von Mozart- und Rossiniopern, entwickelte für die Studiomitglieder ein Pasticcio mit Musik von Händel und Purcell, inszenierte dieses und begleitete die musikalische Einstudierung in Form eines Meisterkurses.

Van Rensburg hat in den letzten Jahren, neben Mönchengladbach unter anderem in Chemnitz und Münster, einen sehr eigenen Zugang zur Musiktheaterregie gefunden. Mittels eines Blue Screen und virtueller Hintergründe lässt er während der Vorstellung live Bilder entstehen, die das jeweilige Musikstück inhaltlich vermitteln, reflektieren, parodieren, historisch oder mythologisch herleiten, es jedoch kaum je bildlich verdoppeln. Für dieses Verfahren ist das barocke Musiktheater eine überaus dankbare Spielweise. Auf Basis eines Digests von Händels „Semele“ hat der Regisseur kurzweilige 75 Minuten über Eitelkeit und göttliche Liebeswillkür zusammengebaut, angereichert mit Stücken aus sieben weiteren Werken. Rensburg führt sein Personal handwerklich herausragend und scheut auch nicht vor im Einklang mit der Musik entwickelten, charmant servierten oberflächlichen Gags zurück, etwa im Hantieren mit Intimspielzeug. Vor allem aber entwickelt er hinreißende Videoclips, in denen sich etwa Jupiter im Liebesspiel vervielfacht oder seine sterbliche Geliebte von den Furien verfolgt Motorboot fährt und Schiffbruch erleidet.

Alle Mitwirkenden beglaubigen das Konzept durch ihre darstellerische und musikalische Gestaltung. Der junge Yorgos Xiavras, der auch an Cembalo und Regal zu erleben ist, leitet die fünf Streichersolisten der Niederrheinischen Sinfoniker zu federndem, farbenfrohem Spiel an. Shinyoung Yeo spitzt seinen mächtigen, noch etwas ungeschliffenen Bariton schön stilkonform zu, hat viel Präsenz und ein wenig Mühe mit der englischen Sprache. Die eingesprungene Dimitra Kalaitzi-Tilikidou, die sich erste Sporen im jungen Ensemble des Musiktheaters im Revier verdient hat, erfreut mit dramatischem Drive und durchgebildetem Mezzosopran. James Park hat ein schönes Lächeln in der Stimme und unterzieht sich den nicht eben dankbaren Aufgaben, die die Barockmusik für die Tenorstimme bereithält, mit Strahlkraft, Geschmack und Würde. Mittelpunkt des Abends ist Amelie Müller. Die halsbrecherischen Koloraturen in ihrer ersten Bravourarie führen sie noch in persönliche Grenzbereiche, danach verzaubert sie mit ihrer Spielenergie, ihrem jugendlich frischen Soprantimbre und dem Farbenreichtum besonders ihrer Mittellage, der in melancholischen Stücken und besonders in der fröhlich-narzisstischen „Semele“ – Arie „If I persist in gazing“ auf das Allerschönste zur Geltung kommt.

Es ist zu wünschen, dass sich auch für die nächsten Jahrgänge Geldgeber finden, damit die Gemeinschaftsbühnen ihre so niveau- wie verdienstvolle Opernstudioarbeit, die durchaus Ausnahmekönner wie jüngst den Bariton Sebastian Seitz hervorgebracht hat, weiterführen können.

 

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