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Verrannt in den Freuden der Pflicht

Siegfried Lenz: Deutschstunde

Premiere: Theater: Theater
Regie: Bernadette Sonnenbichler 
Von Stefan Keim am 20.03.2016

Die Tafelwände sind mit Kreide voll gekritzelt. Fünf Menschen bewegen sich in einem grauen, hohen Bühnenbunker. Sie sprechen im Chor, denn sie sind alle Siggi, der Erzähler im Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Die Siggis sitzen in einer Besserungsanstalt und sollen einen Aufsatz schreiben zum Thema „Die Freuden der Pflicht“. Aufs Papier bringen sie nichts, aber im Kopf reisen sie in die Zeit, die das Leben des jungen Mannes geprägt hat.

In den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs und den ersten danach lebt Siggi mit seinen Eltern in Rugbüll, ganz oben in Schleswig-Holstein. Sein Vater ist dort Polizist, ein Mann, der es für seine Pflicht hält, Befehlen zu gehorchen und sie nicht zu hinterfragen. Also will dieser Jens Ole Jepsen mit allen Mitteln das Berufsverbot gegen den Maler Max Ludwig Nansen durchsetzen, der im Dorf wohnt. In der Kindheit waren sie Freunde, Nansen hat ihm das Leben gerettet. Nun ist der Künstler eine Art zweiter Vater für Siggi geworden. Der Junge gerät in schwerste Gewissenskonflikte.

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Als der Roman 1968 erschien, erregte er riesiges Aufsehen. Anhand dieser konkreten Geschichte im Kleinkosmos Rugbüll machte Siegfried Lenz greifbar, wie Faschismus die Menschen verändert. Angegriffen wurde der Text, weil die Figur des Malers Nansen eindeutig auf Emil Nolde anspielt, der aber ein Anhänger der Nationalsozialisten war. Doch das ist Kleinkrämerei. Wenn man die „Deutschstunde“ als Werk der Fiktion begreift, hat sie nicht nur weiterhin Geltung, sondern durch die Erfolge der AfD fiese Aktualität bekommen.

Bernadette Sonnenbichler bringt den Roman mit der Feinfühligkeit und Präzision auf die Bühne, die schon ihre grandiose Inszenierung von Bulgakows „Der Meister und Margarita“ in Aachen auszeichnete. Aus dem Erzählchor heraus schälen sich die handelnden Personen, und aus dem epischen Grundansatz entstehen packende, psychologische Szenen. Vor allem Karsten Meyer als Dorfpolizist und Rainer Krause als Maler Hansen schaffen subtile Charakterzeichnungen, die keinen Gut-Böse-Schemata folgen. Auch wenn man den engstirnigen Jepsen oft an die Wand klatschen möchte, bleibt er doch ein verrannter Kleinbürger, der nicht aus dem selbst auferlegten Zwang der Pflichterfüllung heraus kommt.

Malcolm Kemp hat eine feine, fast subkutane Bühnenmusik komponiert, die auf sanfte Weise zwingende Stimmungen schafft. Und Norbert Bellens Bühne birgt manche Überraschungen, der graue Kasten hat Öffnungen. Ruhig, unspektakulär, mit nie nachlassender Spannung folgt die Inszenierung der Geschichte und denkt gleichzeitig darüber nach. Bernadette Sonnenbichler gelingt es, Erzähltheater mit diskursiver Offenheit zu verbinden. Sie fordert ihr Publikum, bleibt aber stets auf Augenhöhe. Ein sehr gelungener Abend.

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