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Verhaltene Hoffnung

John Neumeier: Ghost Light

TanzPremiere:  (UA)   Theater: Hamburg Ballett
Komponist: Franz Schubert   Foto: Kiran West   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Dagmar Ellen Fischer am 07.09.2020

Gespenstische Stille in der Hamburgischen Staatsoper. Passend dazu: die sparsame Beleuchtung und der Titel des Abends – „Ghost Light“. Mit diesem „Ballett in Corona-Zeiten“, wie John Neumeier sein jüngstes Werk untertitelt, eröffnete das Hamburg Ballett die neue Spielzeit.

Geschuldet ist die Geräuscharmut einerseits der Tatsache, dass nur rund ein Viertel der Plätze im Opernhaus besetzt sind, die andere Ursache mag ehrfurchtsvolles Schweigen sein. Und weil dies ein so außergewöhnlicher Saisonstart ist, begrüßt Ballettintendant und Choreograf John Neumeier das Publikum persönlich: Er lässt die zurückliegenden Monate kurz Revue passieren, dankt ganz besonders seinem Ensemble und den Ballettmeistern – und da bricht ihm die Stimme, und im Zuschauerraum wird es noch stiller. „Dieses Ballett war nie geplant, aber es musste gemacht werden“, so Neumeier, bevor er die Bühne seinen Tänzerinnen und Tänzern überlässt.

54 von ihnen erzählen in der dann folgenden Choreografie keine Geschichte, stattdessen von ihren Gefühlen in den vergangenen schwierigen Zeiten: Der Erste Solist Aleix Martínez fasziniert mit einem hochnervösen Solo, um wenig später Sprünge der Verzweiflung folgen zu lassen. Anna Laudere und Edvin Revazov zeigen in einem Pas de deux, dass man auch zu zweit sehr allein sein kann. Ihnen ist als Ehepaar die choreografierte Berührung erlaubt, zahlreiche andere Ensemblemitglieder brillieren gemäß Pandemie-Auflagen plötzlich solistisch. Kleine Gruppen tauchen in Formationen auf, denen man die (einzuhaltene) Abstandspflicht keineswegs ansieht, sondern die aus der erzwungenen Not eine überzeugende Tugend machen. Die Company präsentiert sich insgesamt in gewohnt herausragender Konstitution, in unterschiedlichsten Nuancen erzählen die Tanzenden von Ängsten und Hoffnungen, aber eben auch in ausgelassener Freude vom großen Glück, wieder auf einer Bühne tanzen zu können.

In einem zärtlichen, berührenden Duett vermitteln Silvia Azzoni und ihr Mann Alexandre Riabko tanzend die Sicherheit einer verlässlichen Partnerschaft, die ihnen in unsicheren Zeiten offenbar Halt gibt. Während der Pianist Michał Białk das Geschehen live am Flügel mit Musik von Franz Schubert begleitet, spuken hin und wieder Geister aus drei Neumeier-Balletten – „Die Kameliendame“, „Der Nussknacker“ und „Nijinsky“ – in den Original-Kostümen zwischen den eher schlicht und heutig gekleideten Tänzern umher. Sie machen den Aberglauben hinter der „Ghost-Light“-Tradition geradezu greifbar: Quasi aus der Vergangenheit erscheinen sie wie die unsichtbaren Geister, die nachts auf der leeren Bühne „ihre Spiele treiben“, wie es Neumeier erklärt. Denn für diese imaginierten Künstlerkollegen leuchtet eine einzelne Glühbirne die ganze Nacht hindurch, bis am nächsten Morgen die Lebendigkeit dank der Akteure zurückkehrt. Die vorherrschende Stimmung des im Lockdown geborenen Balletts ist durchweg düster und verhalten. Nach neunzig Minuten steigert sich zaghaftes Händeklatschen langsam zum befreienden Applaus.

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