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Vergangenheitsbewältigung

Stephan Thoss: Blaubarts Geheimnis

TanzPremiere:  (UA)   Theater: Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Musikalische Leitung: Wolfgang Ott  Komponist: Henryk Górecki, Philip Glass   Foto: Martin Kaufhold 
Von Ulrike Lehmann am 13.04.2011

Die meisten Adaptionen des französischen Blaubart-Stoffes verhandeln das Leben des blutrünstigen Ritters, seinen mysteriösen Verschleiß an Frauen, deren Leichen in den dunklen Kammern seines Schlosses vor sich hin bluten und irgendwann von jener neugierigen Frau entdeckt werden, die dann – Unglückliche – als nächste dran glauben muss. Ganz anders die emotional-verflochtene Version, die Stephan Thoss mit seinem Ballett „Blaubarts Geheimnis“ am Staatstheater Wiesbaden erschaffen hat. Thoss ist jemand, der thematische Stoffe gern als Ausgangsbasis nutzt, um sich dann in seiner choreografischen Arbeit ganz und gar dem Tiefenrausch der Musik hinzugeben. Erneut ist ihm das in Wiesbaden vortrefflich gelungen. Die Blaubart-Geschichte dient dabei nur zur Metapher, mittels der Thoss feinsinnig von den Irrungen und Wirrungen der Liebe erzählen kann, von Schuld, Vergangenheitsschmerz und der Kraft zweier Menschen, sich dennoch eine neue, gemeinsame Zukunft zu formen.

Teil eins des Abends, ein Vorspiel: Zwischen perspektivverzerrten, nach unten hin offenen Wänden (auch Bühne und Kostüme stammen von Thoss) testen sie die Grenzen ihrer Verführungskraft: Lebensfroh Turtelnde, traurig Alleinseiende, zu zweit sich Quälende tanzen zu den Präludien des polnischen Komponisten Henryk Górecki. Herzzerreißende Szenen ereignen sich zu dunklen Streicher-Ostinati, wenn ein Paar – sich die Hände haltend – mit dem Rücken zur Wand schwerfällig zu Boden sinkt. Oder wenn Er in Zeitlupe mit Riesenschritten vor Ihr fliehen will, während sie sich – dicht neben ihm am Boden liegend – vor Sehnsucht krümmt. So flüchtig das Glück, so fest kleben die Verletzungen in diesen Bildern. Und so schnell kullern die Tänzer unter den schrägen Wänden in die Seitenbühne zurück.

Teil zwei führt tatsächlich in Blaubarts Schloss: Ein langer Tisch, verschiebbare Wände und Türen. Das Orchester des Hessischen Staatstheaters unter der Leitung von Wolfgang Ott gießt, vorzüglich dosiert, Philipp Glass in den düsteren Raum. Verschlungene Pas de Deux von Blaubart (Giuseppe Spota) und Judith (Valeria Lampadova) zeugen von grenzenloser Vertrautheit, die gluckenhafte Anwesenheit der Mutter Blaubarts eher von traumatischen Kindheitsmustern. Hier nun dringt die Vergangenheit bruchstückhaft ein: Geschickt springt Thoss zwischen den Zeitebenen, indem flink gedrehte Türen jeweils das Innere der Schlosskammern preisgeben: die verflossenen Frauen Blaubarts und dessen vormals brutale Triebe. Bis die letzte Tür zur Vertrauensprobe wird.

Nicht nur technisch brilliert Thoss’ Ballettensemble. Auch erfreut es mit einer Ausdrucksstärke voll subtiler Gesten, unkonventionell, erfrischend. Am Ende liegen Judith und Blaubart übereinander, vereint – auf dem Rücken. Nach dieser Art von Tanztheater kann man süchtig werden.

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