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Vereiste Gefühle

George Benjamin: Lessons in Love and Violence

Premiere: Theater: Staatsoper Hamburg
Regie: Katie Mitchell  Musikalische Leitung: Kent Nagano   Foto: Forster 
Von Sören Ingwersen am 08.04.2019

Wo der König die Kleider und die musikalische Zerstreuung mehr liebt als sein Volk, ist es um das politische Gleichgewicht nie gut bestellt. Bei der Anprobe neuer Anzüge versuchen seine Frau Isabel und der königliche Berater Mortimer vergeblich, den Herrscher an seine staatspolitischen Pflichten zu erinnern. Mit Mortimers Verbannung endet die erste Szene – und beginnt sich die Spirale aus Verrat, Gewalt und Tod erbarmungslos zu drehen.

Der englische Dramatiker Martin Crimp hat das Drama „Edward II“ des Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe zu sieben schlaglichtartigen „Lessons in Love and Violence“ eingedampft. Sie bilden das Textgerüst für George Benjamins gleichnamige Oper, die in der Regie von Katie Mitchell vor einem Jahr im Royal Opera House Covent Garden ihre Uraufführung feierte. In fast gleicher Besetzung wurde die Inszenierung nun in deutscher Erstaufführung an der Hamburgischen Staatsoper gezeigt. Bühnenbildnerin Vicki Mortimer gewährt Einblicke ins königliche Schlafzimmer, so blau wie das Blut des Paares, das das Bett schon lange nicht mehr miteinander teilt. Denn der König – dessen viriles Selbstvertrauen Evan Hughes kräftiger Bariton glänzend unterstreicht – hat einen Geliebten: Gaveston. Benjamin hat für die beiden Männer ein Liebesduett komponiert, in dem Gyula Orendt sich auch stimmlich als ebenbürtiger Partner erweist, während aus dem Orchestergraben archaisch anmutende Rhythmen von der politischen Explosivkraft dieser Beziehung künden. Überhaupt greift der 59-jährige Komponist, der derzeit „Composer in Residence“ bei den Berliner Philharmonikern ist, auf eine dichte, beklemmende und düstere Gemengelage von Klängen zurück, die zuweilen zwar ins Lyrische abgleiten, mit ihren gewaltvollen Ausbrüchen, der perkussiven Treibkraft und dem teils exotischen Kolorit aber vor allem für das aufgewühlte Innere der Figuren stehen. 

Wir hören und sehen wie Georgia Jarman als Königin Isabel dem aufgebrachten Volk ihren feurigen Sopran entgegenschleudert, wie sie mit Mortimers Hilfe Gaveston ermorden lässt und daraufhin von ihrem Mann verstoßen wird. Mitchell lässt die Figuren in modernen Kostümen auftreten und in einem unterkühlten Ambiente psychologisch glaubwürdig, gelegentlich auch in Zeitlupe agieren. Immer sind die beiden Königskinder – der in hoher Tenorlage beeindruckende Samuel Boden und die stumme Ocean Barrington-Cook – Beobachter des Geschehens, das stets im selben Raum stattfindet. Der wird nach jeder Szene bei geschlossenem Vorhang um 90 Grad gedreht, während die Philharmoniker unter Kent Naganos sensiblen Dirigat den Gefühlsaufruhr in bravourösen Zwischenspielen musikalisch fortschreiben: ein ständiger Wechsel der Perspektive auf die verheerenden Verstrickungen von Liebe und Macht, bei dem das riesige Aquarium, in dem anfangs noch bunte Fische schwimmen, zuerst vereist und zuletzt nur noch einen abgestorbenen Unterwasserfelsen beherbergt. Auch unter den Menschen zieht der Tod in diesem auskomponierten Polit-Thriller noch weite Kreise. Überschäumend lebendig ist dagegen der Schlussapplaus für dieses intensive, 90-minütige Kammerspiel. Stellvertretend für die Regisseurin verbeugt sich Dan Ayling, der die szenische Einstudierung besorgte.

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