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Unüberbrückbare Entfernung

Cocoon Dance Company: …in-between... (Das Dekameron, Teil 3)

StreamGestreamt am: Premiere:  (UA)   Theater: vier.ruhr
Regie: Rafaële Giovanola   Foto: dekameron #0 @sputnic   
Stream auf der Homepage des Theaters
Von Jens Fischer am 08.05.2020

Die bürgerliche Pracht ist längst abgeblättert von Mülheim an der Ruhr. Dort begann die Industrialisierung – Ledermanufakturen, Bergbau, Ruhrreederei – früher als in anderen Teilen des Ruhrgebiets, und dort endete sie eher. Heute ist Mülheim von Armut gekennzeichnet, Protzerei wie in Essen oder Dortmund sucht man vergeblich, findet aber eine virile Kulturszene, die all das spiegelt. Liebevoll schräg feuerwerkt die Phantasie. Weswegen von „vier.ruhr“ einiges zu erwarten ist, der Kooperation des Theaters an der Ruhr, Ringlokschuppens und „Stücke”-Festivals. Ihr „Dekameron“ bringen die Mülheimer Kulturakteure gegen die Quarantäne-Ödnis ins Spiel: „digitales Live-Theater“.  Zehn Künstler(gruppen) der Region sollen in Anlehnung an Giovanni Boccaccios Pest-Flüchtlinge des Jahres 1348 eine Form künstlerischen Zeitvertreibs bis zum Ende der Corona-Pandemie 2020 finden – mangels idyllischen Landhauses vor den Toren von Florenz wie in „Il Decamerone“ kämpfen die „Dekameron“-Künstler in ihrer Privatwohnung wider die Isolation des Kontaktsperre-Gebots.

Die Cocoon Dance Company verzichtet hierbei auf die sonstigen Menschmaschinentänze, die sie „dekonstruierende Körperinszenierungen“ nennt. Um dem Mangel an körperlichen Begegnungen im Probensaal abzuhelfen, ging das Team auf die Suche nach im Wortsinne berührender Kommunikation in voneinander weit entfernten Räumen. „… in-between …“ ist die Choreographie von Rafaële Giovanola betitelt – für vier Tänzer und Tänzerinnen in Barcelona, München, Köln und Wien. Nach alltäglichen Vorbereitungsritualen wie Frühstücken schmeißen sich zwei Frauen, in nebeneinander auf dem Monitor platzierten Webcam-Streams, auf rot betuchte Bettcouches. Versuchen sich aus der Kadrierung ihres Bildes zu befreien oder mit der Kollegin zu einem Körperbild zu verschmelzen. Essen jeweils eine Banane und tun so, als würden sie die Schale aus dem einen ins andere Bild werfen. Das ist an Kommunikation nun etwas wenig. Besser wird es nicht, wenn daraufhin die Gesichter der beiden bisher nur zuschauenden Kollegen übereinander geblendet werden. Anschließend sind alle vier in gleichgroßen Gevierten zu sehen. Traurig erstarrt, zusammengesunken. Zu Straßenlärmmusik beginnen die Körper ganz vorsichtig, sich wieder einzugrooven auf das Leben. Wie Erinnerungsbilder werden Szenen einer Choreographie dazu gezaubert, in der eine kleine Gruppe in Unterwäsche discomäßig vor sich hin zuckt, also jeder für sich allein. Trostlos war es auch schon vor Corona. Zwei Szenen weiter schlängelt sich das Quartett durch enge Flure, kuschelt mit der Wand und tut so, als wohnten die Kollegen nebenan. Tun sie aber ja nicht. Als Sehnsuchtsvision darüber gelegt wird daher peu à peu die Aufzeichnung einer Tanzperformance intimen, eindeutig sexuell konnotierten Miteinanders. Es folgen Applaus-Bilder von italienischen Balkonen. Die nun nicht den Tänzern gelten, aber egal. Final geben die sich ausgelassen wie bei einer Strandparty dem Hit „The Loco-Motion“ von Little Eva aus dem Jahr 1962 hin. Kein großer Wurf, zueinander gefunden wurde nur mit recht groben Techniktricks, aber durchaus zugänglich und unterhaltsam ist es, wie hier Gedankenskizzen im Videokonferenzformat inszeniert werden.

Als ersten „Dekameron“-Beitrag kuratierte Regisseur Philipp Preuss „Fearology – Songs of the Off“, eine Live-Darbietung von Pop-Hits in liebevoll privaten, radikal gegen das Wiedererkennen gebürsteten Versionen. „I bet you look good on the dancefloor“ von den Arctic Monkeys bietet Musiker Matthias Flake im verhallten Gregorianik-Pop-Choral-Stil dar, Schauspieler Günther Harder entdeckt im Purismus des Sologesang zur Minigitarrenbegleitung die Emotionalität in Gary Numans elektronischer Maschinenklang-Inszenierung „Are Friends electric?“,  am Heimmellotron schlawinert Theatermusiker Ingo Günther das Burt-Bacharach-schmalzige „I just don’t know what to do with myself“ in die Kamera, die kamerunische Sängerin Madeline Pélagie Nga Alima gestaltet eine unplugged Afropop-Version von „God save the queen“ der Sex Pistols… ach, was für ein skurriler Spaß ist dieses Homeoffice-Musik-Festival.

Zur coronösen Langeweile-Vertreibung mit Bewegung und Klang gesellt sich Albrecht Hirche als Prediger der Worte. Eine Talkshow mit fünf kauzigen Kumpels ist sein „Dekameron“-Beitrag. Alle spielen total verpeilte Typen, die sich in Badewannen fläzen und so herumjuxen. Das ist in teilweise gruselig schlechter Bild- und Tonqualität kein Vergnügen, im Gegenteil: eine nervtötende Privatalbernheit.

Die zehnteilige „Dekameron“-Serie wird immer donnerstags ab 21 Uhr live produziert und per Youtube ausgestrahlt. Nächste Premiere ist am 14. Mai „Uber-Fahrt im Homeoffice“, gestaltet vom „KGI – Büro für nicht übertragbare Angelegenheiten“. Alle Folgen sind hier zu finden.

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