Pseudo-Monumentalität wie die aus dem Lied „Die perfekte Welle“ ist im Genre Musical ganz normal. In Social Media normal wiederum ist, dass Sätzen Ewigkeit zugesprochen wird, die eigentlich nur in Begeisterung dahingesagt sind. Ewig werden sie im Netz, weil Sätze und Bilder dort nicht einfach verfliegen, sondern bleiben – in der unverrottbaren Digitalität. „Das ist alles vorbei, und die Fotos sind trotzdem da.“
Statistiken der Dating-Apps
In uns selbst bleibt dafür: die Leere, nachdem der Nachklang von Pseudo-Ewigkeits-Sätzen und -Bildern im Netz jeweils verhallt ist. Das ist der Grundgedanke des UdK-Projekt-Musicals „21:53 zu früh, um schlafen zu gehen, zu spät, um wen anzurufen“. Es ist eine Werktstattinszenierung unter Verwendung von Auszügen aus dem Theatertext „Alles casual“ der Autorin Elisabeth Pape. Man weiß nicht, ob Pape Statistiken ausgewertet hat, wonach um 21:53 Uhr die meisten Dating-Apps neu ausprobiert werden, um jener Leere Herr oder Herrin zu werden. Denkbar wäre es.
Dieser Satz über die Uhrzeit 21:53 wird vor jedem Abschnitt des Stückes wiederholt. Er strukturiert den Abend, während zehn Studentinnen des UdK-Studiengangs „Musical/Show“ auf der Bühne stehen. Jeanot Kempf und Soli Lang vom Studiengang Bühnenbild haben mehrere kleine auf einer Drehbühne angeordnete Mini-Podeste für sie wie Torten aufgebaut.
Alte und Junge Hits
Vom Rand begleitet der musikalische Leiter Damian Omansen die Musical-Nummern am Flügel. Es sind Songs eher aus jüngeren Jahrzehnten. Wenn allerdings auch mal sehr viel ältere Hits wie der Tangoschlager „Egon“ (1952) oder der Hit „Ich tanz allein“ aus dem Westberliner Lokalmusical „Ku’Damm 56“ intoniert werden, wird es zwischen den Zeilen interessant. Bestimmte Musik ruft beim Background-Chor bestimmte Bewegungen hervor. Bei Musik aus den 1950ern passen diese Bewegungen in ihrer Puppenartigkeit nicht zum grenzen- und zwanglosen Individualismus unserer Tage. Sie stellen ihn deshalb umso besser aus, vielleicht sogar unabsichtlich.
Um 21:53 Uhr aber zeigt sich wiederum mehrmals in diesem Stück: Die Hauptfigur, gesplittet in zehn singende, tanzende und spielende Protagonistinnen, kommt mit diesem Individualismus nicht immer sehr gut klar, zumal sich ihre Individualität in ihrem selbst gewählten Beziehungsstatus niederschlägt. Sie hat nämlich sich und ihrem Tobias (der nicht auftritt) eine Beziehungspause verordnet. Es ist zunehmend langweilig mit ihm. Immer muss man gemeinsam frühstücken, die Gesprächsthemen wiederholen sich, und der Sex – nun ja. Da muss doch insgesamt noch mehr gehen, mit jemand anderem. Berichten nicht immer Alle auf Insta von ihren berauschenden Paar-Urlauben in Paris, der Stadt der Liebe, von intensiven gemeinsamen Wanderungen in fernen Gebirgen oder wo auch immer? Die Lösung für das zehngeteilte weibliche Ich des Stückes: eine neue Dating-App ausprobieren.
Synthetische Welt
Lara Duymus, die Kostümbildnerin der Produktion, stellt in ihrem kurzen Begleittext fest, dass die Wünsche und die Suche der Protagonistin „real“ sind, „aber ihre Welt und die Plattform, die sie sucht, sind sehr synthetisch“. Duymus selbst lässt die zehn jungen Frauen anfangs in zehn identischen gepunkteten Plastik-Regenmänteln chorsingend auftreten, aus denen sich erst im Lauf des Abends in Gestalt teils fulminanter Song-Interpretationen zehn singende und fühlende Individuen herausschälen. Denn die Mitwirkenden haben das Stück als Projekt aus ihrer eigenen Erfahrungswelt heraus gemeinsam mit dem UdK-Professor für Darstellung Mathias Noack als Regie-Verantwortlichem entwickelt.
Form wird hier auf bestechende Weise Inhalt. Die monumentalen Texte der Musical-Hits samt musikalischem Pomp suggerieren Ewigkeit – und da meistens nur eine der jungen Frauen alleine singt, suggerieren sie auch, dass ein „Wir“ in Zeiten von Dating Apps auch in der Liebe gar nicht gewünscht ist. Wohl nicht zufällig endet der letzte gesprochene Satz des Stückes mit dem Wort „Ich“ in einer unvollständiger SMS: „Hey, Tobias, ich…“ Hoffnung macht, dass dieses „Ich“ sich zumindest noch irgendwie zu erklären versucht.