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Traumspiel-Phantasien

Alex Nowitz: Traumnovelle

Premiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Braunschweig
Regie: David Hermann  Musikalische Leitung: Sebastian Beckedorf   Foto: Karl-Bernd Karwasz 
Von Andreas Berger am 04.02.2013

So war das noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Mann rennt sich die Hacken ab, um etwas sexuelle Abwechslung zu erlangen, flieht von dem ihm allzu ergebenen Fräulein aus besserem Hause über die Prostituierte bis zur geheimen Sex-Orgie – und ist am Ende aus bürgerlicher Verklemmung doch nirgendwo richtig gelandet. Seine Phantasien sind Klischees. Die Gattin dagegen bleibt fein zu Hause und erträumt sich mit einem kräftigen Dänen die Erfüllung, immerhin. Oder war der Strandräuber etwa wirklich bei ihr im Bett, und der Gatte hat seine erotische Odyssee nur geträumt?

Arthur Schnitzler lässt in seiner „Traumnovelle“ diese ironische Verkehrung des Geschlechterbilds zu. Wir spielen immer. Sicherheit ist nirgends, wer es weiß, ist klug, hatte er andernorts formuliert. Diese nicht nur erotische Verunsicherung des Selbst wäre der Ansatzpunkt für die virtuellen Traumspiele unserer Tage im Internet. Doch merkwürdigerweise verweigert sich das Regieteam der Opernfassung der „Traumnovelle“ von Alex Nowitz am Staatstheater Braunschweig diesem sonst allfälligen Griff auf den Computerschirm. Christof Hetzer, der für den Bayreuther „Holländer“ jüngst eine faszinierende Datenautobahn entworfen hat, setzt hier einen kubistisch verzerrten Klotz auf die leere Bühne, begehbar und zuweilen mit flimmernden Videobildern verfremdet. Warum sich die erotischen Phantasien von Fridolin und Albertine an so einem Stein erweisen sollen, wird nicht klar. Drumherum gibt es ein paar Hocker und einen arztkittelgrünen Rundvorhang, eher Freimaurertreffen als Maskenball.

Und doch ist diese Redoute eine der gelungensten Szenen. Die Orgienteilnehmer in schwarzen Ganzkörpertrikots mit weißen Mänteln und Perücken sind gesichtslose Schatten ihrer weltlichen Existenz, Traumgestalten. Und klug integriert Regisseur David Hermann Albertines Traum von der Bestrafung und Kreuzigung Fridolins, der ihr Lust macht, in die Orgie, die eigentlich nur Fridolin erlebt. Kaum hat er mit ausgebreiteten Händen am Stein gehangen, bereiten Angelus-Glöckchen und Albertines Mariengesang die schwarze Messe, aber auch seine Erlösung vor. Denn die maskierte Frau, die sich für den Eindringling opfert, ist schon in Schnitzlers Vorlage vermutlich Albertine selbst, zumindest macht sie Fridolins Schuldbewusstsein dazu.

Durch diese Verknüpfung sind wir aber versucht, das ganze Traumspiel für Phantasien zu halten, die sich das Ehepaar seit Stückbeginn zur sexuellen Stimulation nur erzählt. Das legen die tanztheatermäßigen erotischen Umklammerungen der beiden Körper gleich in der ersten Szene nahe. Und damit wären wir selbst in die Falle ihrer (und unserer) erotischen Phantasien gegangen. Alex Nowitz unterstützt mit seiner Musik das Vordringen ins Fremde und Gewagte. Etwas zögerlich, allzu vorsichtig zunächst, rhythmisches Sprechen wird erst langsam Gesang, verlorene Töne und ein paar Bläserakkorde ergeben erst langsam ein Klangbild. Leise summt ein Elektroton von erotischer Spannung, steigert sich zur Vibration, Hecheln der Sänger und Instrumentalisten, flirrende Streicher, Rubbeln der Basssaiten am Hals, glissierende Cellotöne und hallender Gong verbreiten die Stimmung, doch könnte alles viel raumgreifender gelingen, um den Zuschauer mit in den Strudel zu ziehen.

Gerade in der Orgie, die mit Händetrommeln auf der Bühne beginnt, mit Juchzern durchsetzt wird und die Silben des Wortes „redoute“, das französisch auch „fürchten“ heißen kann, bis in die Instrumentalisten treibt. Im Gegenzug führt der Countertenor Yosemeh Adjei als Zeremonienmeister Nachtigall Stimmakrobatik vor, für die auch der Komponist bekannt ist und die Instrumente nachahmt. Das ist zwar schön verrückt, aber nicht wirklich orgiastisch verzerrt. Auch reichen ein Quartett im Rang und eher zaghafte elektronische Zuspielungen nicht zum Taumelgefühl im Saal.

Die schönste Musik bekommt Albertine, wenn sie sich unter Gong und Röhrenglocken dem Dänen hingibt. Ekaterina Kudryavtseva durchmisst mit ihrem flexiblen Sopran alle Stimmextreme, glissierende Tonleitern wie weiche, durchdringend anschwellende Dauertöne. Gelegentlich spaltet sich ihr Wesen in drei weitere Stimmen auf, die Moran Abouloff, Milda Tubelyte und Adjei neben ihren Episodenrollen stilsicher bewältigen. Tobias Haaks singt mit klarem Tenor den Dänen, Rossen Krastev darf mit sattem Bass einen hinkenden Kostümverleiher hinwalzern. Und unermüdlich wird Malte Roesner als Fridolin im korrekten Habit durch die Szenen gewirbelt, mit seinem klangvollen Bariton textverständlich den Lüsten nachsingend.

Sebastian Beckedorf am Pult der 14 Musiker koordiniert alles wacker und mit präzisen Einsätzen, rauschhafter könnte es wohl nur in anderer Anordnung wirken, aber die Musik hätte das Potential. Szenisch wirkt die Uraufführung allzu abstrakt und, merkwürdig bei dem Thema, so gar nicht sexy. Kräftiger Applaus.

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