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Toxische Männlichkeit

Georg Friedrich Händel/Lili Boulanger: Lucrezia/Faust et Hélène

StreamGestreamt am:  Premiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Darmstadt
Regie: Mariame Clément  Musikalische Leitung: Daniel Cohen   Foto: Nils Heck 
Von Detlef Brandenburg am 10.04.2021

Verlegenheitslösungen können reizvoll sein – auch das lehrt diese Pandemie, die beispielsweise verhindert hat, dass Mariame Cléments Bregenzer „Don Quichotte“-Inszenierung vom Sommer 2019 in diesem Jahr am Staatstheater Darmstadt eine Zweit-Produktion erleben konnte. Da aber nun mal ein Produktionsteam mit der Regisseurin und dem Dirigenten Daniel Cohen beisammen und ein Bühnenbild von Julia Hansen gebaut war, zoomten und skypeten sich die Beteiligten zusammen, überlegten, was stattdessen gehen und wie man das Hygiene-gerecht entwickeln könnte – und kamen auf ein paar richtig gute und einige weniger gute Ideen. Deren Grundlage wurden zwei Stücke, die man kaum je auf Opernbühnen erleben konnte, die man am gestrigen Freitag aber sehr gern kennengelernt hat: Händels Kantate „La Lucrezia“ für Mezzosopran und Basso continuo HWV 145 und Lili Boulangers Kantate „Faust et Hélène“ für Tenor, Bariton, Mezzosopran und Orchester.

Beides sind Werke von musikalischen Wunderkindern. Und dass Lili Boulanger sich auch nur als ein solches in die Musikgeschichte einschreiben konnte, weil sie schon 1918 verstarb, nachdem sie 1913 als gerade mal 19-Jährige mit ihrer Faust-und-Helena-Kantate als erste Frau überhaupt den renommierten Grand prix de Rome gewonnen hatte, ist ein unermesslicher Verlust. Sie hätte das Zeug gehabt, die Stellung der Frau in der Männerdomäne des Komponierens kraftvoll zu behaupten. Im Zoom-Zuschauergespräch im Anschluss an die Darmstädter Streampremiere dieses Doppelabends fand Daniel Cohen die schöne Formulierung, man könne in Lilis Kantate sehr schön hören, welche Partituren damals im Wohnzimmer der hochmusikalischen Familie Boulanger auf dem Klavier gelegen haben. Wohl wahr, „Tristan und Isolde“ war auf alle Fälle dabei! Aber noch in der von Cohen sehr werkdienlich erarbeiteten 42-köpfigen Corona-Besetzung war zu hören, wie raffiniert diese junge Hochbegabte ihr eklektizistisches Material zu etwas Eigenem verweben, wie dramatisch schlüssig sie die orchestralen und vokalen Bögen miteinander verstreben und wie großartig sie instrumentieren konnte. Und das zu einem wirklich verblasenen Libretto nach einem Gedicht von Eugène Adenis, das die Helena-Beschwörung aus „Faust II“ in ein schwüles Liebes-Schauerdrama umfabuliert.

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Auch Georg Friedrich Händel war noch jung, wenn auch bereits ein erfolgreicher Komponist, als er 21-jährig zu seiner vierjährigen Italienreise aufbrach. Als er 1706 in Rom eintrifft, ist er als Komponist und Tastenvirtuose schnell die Sensation der Stadt. Nur eines darf er hier nicht vorführen: seine Opern. Denn Oper hatte der Papst bereits 1698, erschüttert durch die Heimsuchung eines Erdbebens, als sündige Luxusgattung verboten. Also schrieben die Komponisten in Rom weltliche Kantaten – so auch Händel, aber mit aller Dramenpower, die seine Opern auszeichnet. Seine „Lucrezia“ entwirft geradezu eine dramatische Fieberkurve in Echtzeit: Hin- und hergerissen zwischen Schuld- und Rachegefühlen, im atemberaubenden Wechsel zwischen Rezitativ und Arie, rast die vergewaltigte Tugendheldin auf ihren Selbstmord zu, den sie zum Fanal ihrer Unschuld macht.

Dass man diese beiden faszinierenden Werke in Darmstadt erleben durfte, mit kleineren Um-Arrangements zur Herstellung eines dramatischen Gleichgewichts und Gesamtzusammenhangs, war der größte Gewinn dieses Abends. Daniel Cohen hat dem Staatsorchester Darmstadt zwei völlig unterschiedliche Klangbilder abgewonnen. Die kleine Händel-Besetzung mit Cembalo und Theorbe als Continuo-Instrumenten und einem Mini-Orchester war vor der Bühne postiert und klang historisch ausgesprochen gut informiert: leicht, filigran, flexibel, mit elastischer Akzentuierung. Hier, in der „Lucrezia“, wurde Lena Sutor-Wernich zum Star des Abends: mit einem wunderbar bronze-warmen Mezzo, metallisch stabil in der Tiefe, leuchtend in der Höhe, schlank und nuancenreich in Stimmführung und Timbre. Es war eine Freude, ihr zuzuhören! Aber auch das kleine „Faust et Hélène“-Ensemble war richtig gut, mit dem weich strahlenden, elegant geführten Tenor-Faust von David Lee, dem hochkultvierten Bariton-Méphistophélès von Julian Orlishausen und der dramatisch strahlenden Mezzo-Hélène von Solgerd Isalv. Nun klang das auf der geräumigen Hinterbühne verteilte Orchester, als habe Richard Wagner bei Claude Debussy nochmal ein paar Stunden Instrumentationskunde genommen. Und damit auch wieder genau passend zum Werk. Toll!
 
Händels „Lucrezia“ hat hier sogar eine Ouvertüre – von Henry Purcell. Die Regisseurin Mariame Clément und ihr Co-Regisseur Marcos Darbyshire nutzen sie für ein stummes Vorspiel in einem Badezimmer von heute, in das sich eine moderne junge Frau flüchtet, sich in die Toilette erbricht, hinter dem Duschvorhang verschwindet, und es ist sofort klar: Hier hat die #MeToo-Debatte eine Aktualisierungsidee entzündet. Vor der ersten Aria informiert uns ein Schriftzug im Stream, dass drei Stunden vergangen seien. Lucrezia trägt nun saloppe Alltagsklamotten und hat ein Dokument mit Bundesadler in der Hand – sie war womöglich bei der Polizei, hat aber offenbar nichts ausgerichtet, denn sie klagt, dass der „Verräter ihrer Ehre“ noch stolz auf seine Missetaten sei. Drei Wochen später zweifelt sie an der moralischen Weltordnung, drei Monate später ist sie suizidgefährdet. Im Zoom-Nachgespräch waren Sängerin und Regisseurin der Meinung, dass diese narrative Dehnung die Figur psychisch plausibler mache. Aber Händels hochverdichtete Musik weiß von dieser anekdotisch ausgebreiteten Geschichte leider so gar nichts – schade.

Das Thema der toxischen Männlichkeit aber ist gesetzt – und wird nach dieser Badezimmer-realistischen Episode in der „Faust et Hélène“-Kantate auf überraschend andere Weise, nämlich in Form einer metaphorisch-artifiziellen Varietee-Show mit Méphistophélès als Bühnenmagier, abgehandelt. Dessen Haupt-Showact ist thematisch zielführenderweise die „Zersägte Jungfrau“. Als solche fungiert Lucrezia, die vage mit Fausts Gretchen assoziiert wird und – ob nun von ihrem Liebhaber Faust oder von ihrem Vergewaltiger Sextus Tarquinius, sei dahingestellt – ein Baby zu bemuttern hat. Wenn Helena erscheint, himmelt Faust statt ihrer zunächst eine Schaufensterpuppe an, die er erst aufs Kreuz und dann in ihre Glieder zerlegt – aha: die Frau als Objekt! Aber da ergeht sich die Regie dann doch im thematisch allzu Naheliegenden und handlungslogisch allzu Spekulativen.

Die Stream-Bildregie von Fabio Stoll bringt dem Zuschauer all das sehr zweckdienlich nahe. Sie spielt sich nicht durch zu viel Schnitttechnik in den Vordergrund, sondern gibt dem Auge die Möglichkeit, die Szenerie zu erkunden. Das ist wohltuend.

 

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