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Studie über die weiße Zivilisation

William Shakespeare: Othello

Premiere: Theater: Schauspiel Stuttgart
Regie: Burkhard C. Kosminski   Foto: David Baltzer   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Manfred Jahnke am 28.04.2019

Auf der Drehbühne steht eine einfache Wand mit Türen rechts und links, darüber eine Decke aus vier Teilen. Hier findet eine Hochzeit statt: Desdemona und Othello heiraten. Desdemona erzählt vor einer Live-Videokamera von ihrer Liebe zu dem „Fremden“, dann wechselt der Raum zu einer Sicherheitskonferenz. Am Tisch sitzen die Großkopfeten in Weiß und die niederen militärischen Ränge in Schwarz (Kostüme: Ute Lindenberg) vor einer Videowand, die eine auf den Kopf gestellte Karte von Zypern zeigt; auf Fotos werden mögliche Ziele demonstriert. Und dann sind Videos zu sehen von den Kriegen dieser Welt, Kämpfer in Wüstenlandschaften wie Syrien (Video: Sebastian Pircher).

Burkhard C. Kosminski entwirft in seiner Inszenierung das Bild einer modernen Kriegsführung. Das gelingt, weil er Shakespeares „Othello“ total verschlankt und auf zwei Handlungsebenen konzentriert: den Krieg gegen andere und den gegen sich selbst. Mit dem militärischen Sieg – und nicht wie bei Shakespeare, wo die Flotte der Feinde im Sturm untergeht – wird der Krieg unwichtig und das Geschehen wird ganz auf den Fokus der „privaten“ Beziehungen zwischen Desdemona, Cassius, Othello und Jago gelegt. Nur, weil Jago keine weiße Jacke tragen darf, hasst er den „Fremden“ und entwickelt eine Intrige, an deren Ende drei Menschen tot sind. Da Kosminski den „Schwarzen“, wie Othello in der Übersetzung von Frank Günther genannt wird, durch den „Fremden“ ersetzt, bekommt die alte Tragödie einen ungeheuer aktuellen Bezug: Der „Fremde“ wird gehasst – und es wird alles unternommen, um die Integration zu verhindern, obschon die Herrschaft den „Fremden“ braucht. Aber außerhalb seiner militärischen Funktion wird er nicht anerkannt, selbst Brabantio missbilligt die Wahl seiner Tochter.

Während Jago der Worte Gift in Othellos Ohr einflößt und sich dabei dessen Liebe zu Desdemona in sich steigernde Anfälle von Eifersucht verwandelt, bis er endgültig die Kontrolle über sich verliert, spielt auch der Raum von Florian Etti eine bedeutsame Rolle. Die vier Deckenteile senken sich, werden zu Projektionswänden, lasten dann wieder niedriger über dem Geschehen, machen den Raum enger. Eigentlich käme Itay Tiran als Othello auch ohne diese szenische Unterstützung aus. Er liefert die atemberaubende psychologische Studie eines Menschen, der um sein „Fremd-Sein“ weiß, sein Glück zunächst nicht glauben kann und dann mit der angestachelten Eifersucht wie ein kleines Kind alles kaputt machen muss, bis zur eigenen Selbstzerstörung. Tiran braucht dafür keine großen Gesten, er wirkt introvertiert, obschon immer wieder kleine aggressive Akte – wie das Würgen des Jago – davon zeugen, wie es tief in ihm drinnen brodelt. Bis er schließlich so explodiert, dass die Decken in Bewegung geraten und auf dem Höhepunkt (kurz vor dem Erwürgen Desdemonas) Blut wie feiner Sprühregen von der Decke herabrieselt.

Die militärisch-bürgerliche Gegenwelt ist erschreckend normal. Jago ist kein Bösewicht. Matthias Leja spielt ihn als gekränkten Mann, der sich mit krimineller Energie rächt. Er hat keine Freude an der Manipulation, er macht es geschäftsmäßig als guter Psychologe, der mit den Schwächen des Othello spielt. Leja führt einen Beamten vor, der hinter der Maske der Freundlichkeit sein eigenes Ding durchzieht. Er geht dabei über Leichen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Kosminski lässt – anders als im Text – Jago seine Intrige vor seiner Frau (Marietta Meguid, ebenfalls in militärischer Uniform) gestehen, ohne Schuldgefühl. Deshalb ist auch keine Flucht nötig, keiner zieht ihn zur Rechenschaft. Michael Stiller spielt den Cassio, der es, deutlich durch die weiße Uniform, in das Establishment geschafft hat, als jovialen Kumpel; ein wenig eitel und gar nicht bemerkend, wie mit ihm gespielt wird. Auch er bewegt sich in den Bahnen des Selbstdünkels, der sich in der Angst vor dem sozialen Abstieg gegen das „Fremde“ wehrt. Deutlich wird das in der Szene, in der er Bianca erschießt, weil sie auf Heirat pocht. Die „Gefangene“, wie Bianca hier genannt wird, wird von Myriam Quintana Galleguillos gespielt, die auch für das „Fremde“ einsteht, das man am besten fernhält. Wenn es sein muss, auch mit Gewalt. Katharina Hauter führt Desdemona als selbstbestimmte junge Frau vor, die sich für den Fremden entschieden hat, ihn liebt, aber sich ungern bevormunden lässt. Sie hat die Freiheit gewählt, aber nicht mit der Macht der Normalität gerechnet. Bis zum bitteren Schluss hält sie an ihrer Vision fest, dass die Liebe zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen möglich ist. Elmar Roloff spielt ihren Vater Brabantio, der zwischen Vorurteilen, Wut und Enttäuschung hin- und herschwankt. Peer Oscar Musinowski, Marco Massafra und Robert Rožić ergänzen das militärische Personal.

Kosminski ist eine dichte Inszenierung gelungen, die am Beispiel des Othello vorführt, wie dünn die Firnisschicht der weißen Zivilisation ist: eine Lesart, die überzeugt. Zwanglos verbindet sich aktuelle Gesellschaftsanalyse mit der Geschichte einer „privaten“ Eifersucht, ja, sie bedingen sich gegenseitig, weil das „Fremde“ argwöhnisch macht. In seiner dramatischen Intensität löst dieser Abend eine tiefe Betroffenheit aus, die am Ende in die Bravorufe des Publikums übergeht.

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