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Staatssicherheits-Therapie

Leander Haußmann: Haußmanns Staatssicherheitstheater

Premiere:  (UA)   Theater: Volksbühne Berlin
Regie: Leander Haußmann   Foto: Harald Hauswald 
Von Hans-Christoph… am 15.12.2018

Es gibt Schauspielpremieren, auf denen eine tonnenschwere Last liegt. Leander Haußmanns „Staatssicherheitstheater“ war die erste wirkliche Eigenproduktion der Berliner Volksbühne unter Interimsintendant Klaus Dörr. Das Resterbe von Chris Dercon ist zwar nicht aufgebraucht, Gastspiele wird es weiterhin geben. Doch der Abend ähnelt einer Beschwörung guter alter Traditionen, dem der alte emeritierte Volksbühnen-Papst Frank Castorf durch seine Anwesenheit den Segen gab. Alles stimmte: Regisseur mit Ostbiographie plus Hauserfahrung, das gut abgehangene Thema „Staatssicherheit“. Das Publikum amüsierte sich dementsprechend wie Bolle, auch wenn es ein eher lauer, nur mäßig unterhaltsamer Abend war.

Leere Bühne, damit kann man anfangen – vor allem dann, wenn Silvia Rieger als schwarzgewandeter Racheengel aus dem Untergrund heraufsteigt und um sich blickt. Hier ist etwas abgeräumt worden, das wiederhergestellt werden soll. Bühnenarbeiter schieben eine verrumpelte Mansardendeko und eine konspirative Dachwohnung (Bühne: Lothar Holler) herein. So weit, so gut. Dann allerdings wuchten die Hubpodien die Räume in die Höhe und plötzlich steht ein dreigeschossiges Haus auf der Bühne – der erst Lacher ist Haußmann sicher. In dieser Puppenstube abgelebter DDR-Kleinbürgerlichkeit mit Schlafzimmer, Küche, Kneipe und konspirativen Wohnungen entfaltet Autor und Regisseur Leander Haußmann eine Stasigroteske, die einer Austreibung mittels Komik ähnelt. Der angejahrte Ludger Fuchs (Horst Kotterba) hat sich familiärem Druck gebeugt und seine MfS-Akte besorgt, in der seine Frau Ramona (Silvia Rieger) einen uralten Liebesbrief einer anderen Frau entdeckt. Die beiden streiten in bester Boulevardmanier, jeder Tiefschlag eine Pointe. In die kontaminierte Ehestory poppt allerdings die Klage eines Stasimitarbeiters über mäßige Rentenzahlungen auf. Ohne Nietzscheanische Vergangenheitsvergessenheit kein Glück der Gegenwart. Keine Gegenwart ohne Vergangenheitsbewältigung. Und wenn’s um Geld und Anerkennung der „(Stasi-)Lebensleistung“ geht, hört der Spaß sowieso auf. Unzufriedenheit nagt die Lebensgrundlagen an und hat am Ende politische Folgen.

Haußmanns Abend zielt auf die Unterwanderung der Kunstszene des Prenzlauers Bergs, die so genannten „NegDeks“ (Negativ-dekadente Elemente), durch die Stasi. Nicht nur der Regisseur, auch die beteiligten Schauspieler Uwe Dag Berlin und Norbert Stöß wissen, wovon sie sprechen; alle drei gerieten, wie man dem Programmheft entnehmen kann, ins Visier der Staatssicherheit. Nach dem Ehekrach blendet Haußmann in die Vorgeschichte, die kurz gefasst so lautet: Der junge Ludger hat sich ursprünglich als Stasimitarbeiter verdingt, wird auf die gleichalte Ramona angesetzt, die aber mit seinem langhaarigen Künstler-Vater ins Bett geht. Als Papa dem Stasi-Söhnchen gegenübersteht, ereilt ihn ein Herzinfarkt und das Happy End kann beginnen. Was so gerafft nach stimmiger Dramaturgie klingt, entpuppt sich als lähmend dahinmäandernde Szenenreihung. Haußmanns Lust am „Staatsicherheitstheater “ hat zwar durchaus seine Komik: Wenn der Dresscode mit beigefarbenem Blouson und Handgelenkstäschchen durchdekliniert wird, Uwe Dag Berlin als Oberst Siemens den mafiösen Familienzusammenhalt der „Firma“ glorifiziert oder Waldemar Kobus als Stasi-Minister Mielke herumbölkt und wie Hoover im Blümchen-Kleid herumstolziert. Projektionen aus Stasi-Akten grundieren immerhin die Komik. Doch die Szenen selbst verdichten sich nicht, sondern reihen sich wie Nummern aneinander, ohne eine konzise Dramaturgie.

Im zweiten Teil dann ergibt sich Haußmann dann dem Slapstick à la Tarantino, wenn Ludger, Deckname „Bunter Hund“ (Matthias Mosbach), und sein Kollege in die Wohnung der Bürgerrechtlerin Ramona (Antonia Bill) einsteigen. Da bekommt jemand schon mal eine Tür ins Gesicht, Wellensittiche werden brutal ins Jenseits befördert, Method Acting zur idealen Stasimethode umgedeutet. Hier gelingen zahlreiche groteske Momente, die aufgrund ihres Timings auch eine absurde Schärfe entwickeln. Als ob den Regisseur der genau getaktete Slapstick völlig erschöpft hätte, fasert die Inszenierung danach vollends aus: Karl Marx hat seinen Auftritt, eine absolutistische Hofszene illustriert die Stasi-Unterwürfigkeit, eine Wartburg kreiselt über die Bühne. Bildstarke Miniaturen zuhauf, die allerdings allenfalls noch assoziativen Charakter haben. Mit einer Kneipenszene endet der dreieinhalbstündige Abend. Fazit: Der therapeutische Wert für die ramponierten Volksbühnenseelen überragt den künstlerischen Wert des Abends bei weitem.

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