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Spiel der Neurosen

Georg Büchner: Leonce und Lena

SchauspielPremiere: Theater: Theater Aalen
Regie: Jonathan Giele   Foto: Peter Schlipf   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Manfred Jahnke am 04.07.2020

Durch einen Vorhang, bestehend aus goldglänzenden herunterhängenden Streifen, treten vier Spieler und Spielerinnen in altertümlich gerippter weißer Unterwäsche auf. Sie tragen blonde Perücken und große Kronen auf ihren Köpfen. Gemeinsam sprechen sie den Eröffnungssatz: „Der Mensch muss denken.“ Sie verkörpern den desperat-dementen König Peter aus der Zweiten Szene von Büchners „Leonce und Lena“ im wunderschönen Hof des Schlosses Wasseralfingen. Mit dieser Textumstellung – die eigentlich erste Szene wird anschließend gespielt – setzt die Regie von Jonathan Giele ein Zeichen: Nicht der Person Leonces gilt die hauptsächliche Aufmerksamkeit, sondern dem dekadenten „System“. Die bei Büchner satirisch angelegten Hofschranzen werden in ihrer übertriebenen Gestik zu Karikaturen, deren übertriebenes Spiel auf ein marodes Gesellschaftssystem verweist. Und das nicht nur in historischen Zeiten der deutschen Duodezfürstentümer, sondern auch in der Gegenwart. Da lesen etwa die vier Könige ihre Reden von Klopapierrollen, was denn doch eher klamottig wirkt. Auch die gegenwärtigen Abstandsregeln werden komisch karikiert, wenn Anziehsachen ganz links durch den Vorhang nach hinten gegeben werden, und ganz rechts wieder zum Vorschein zu kommen. Getränkedosen fliegen aus einer Bodenklappe, Tricks, wie sie Jugendliche als Joke gerne anwenden. Und wenn diese Klappe hochgezogen ist, liest man das Wort „Italy“. Hinter jedem Einfall stecken eine Idee und ein aktueller Bezug. Und das wirkt manchmal verstörend.

Mit einer Musikauswahl von Grieg bis Disco wird die Handlung im steten Wechsel von Historizität und Aktualität gehalten. Spannend auch, wie Giele mit den Rollenbildern der Figuren umgeht: Im Kern stehen vier heutige neurotisch-narzisstische Jugendliche auf der Bühne, die sich an der Büchner‘schen Sprache reiben müssen. Manuel Flach spielt einen Leonce, der nicht weiß, was er will, und beträchtlich in seinen Stimmungen changiert. In seine Melancholie mischt sich wie aus dem Nichts Aggressivität, im nächsten Augenblick steht er wieder unbeteiligt neben sich. Manchmal ist er auch einfach nur „cool“, aber alle Stimmungen können nicht verbergen, dass in ihm eine öde Leere ist, die sich äußerlich den Schein der Langeweile gibt. Das Problem, dass er eigentlich vor der Verantwortung flieht, die Königswürde von seinem Vater übernehmen zu müssen, wird in dieser Inszenierung nicht wirklich zum Thema. Eher konzentriert sich die Regie von Giele auf die neurotische Beziehung von Leonce zu den Frauen. Da ist zunächst einmal Rosetta in giftgrünem Body voller Bommeln, die sich gleich vor Leonce auf den Boden legt. Diana Wolf spielt eine Frau, die ihren Lover aggressiv angeht und nicht wirklich enttäuscht ist, wenn der nicht einsteigen will. Die poetische Sprache Büchners geht dann einfach unter.

Lena wird von Julia Sylvester spröde in einer Mischung aus Aufmüpfigkeit und Sehnsucht nach der außergewöhnlichen Liebe vorgeführt, man könnte auch sagen: zwischen Disco-Girl und Edelfrau. Sylvester macht daraus eine explosive Mischung, ein Kessel, in dessen Innern es brodelt. Die schönste Szene zwischen Lena und Leonce ist das stumme Spiel, einen Kuss wie den Wind über den Abstand zu blasen, ein Spiel, das hin- und hergeht und in dem einmal sogar Leonces Begleiter Valerio einen solchen Kuss auffängt. In dieser szenischen Umsetzung bündeln sich die Intentionen der Regie: Aktuelles sich im Historischen spiegeln zu lassen, beide Ebenen in einer emotionalen Ebene zusammenzuführen. Dies gelingt aber nur im Spiel ohne Text, wie eine andere Szene zwischen Leonce und Lena zeigt, das erste Zusammentreffen im Move-Licht einer Disco (oder des Traums?). Hier begegnen sich die beiden in einer Gebärdensprache, die anzeigt, wie sehr sich beide angezogen fühlen. Umso größer dann erst einmal die Enttäuschung, als sie erkennen müssen, dass sie, die voreinander weggelaufen waren, um sich nicht binden zu müssen, nun auf der Flucht getroffen und gebunden haben.

Diana Wolf als Gouvernante wirkt nicht wie die Erzieherin Lenas, sondern eher als Freundin, die auch mal schnippisch sein kann. Am ehesten den überlieferten Rollenklischees entspricht Philipp Dürschmied als Valerio, der ruhende Punkt in diesem Spiel der Neurosen. Er erregt sich nicht, er nimmt lieber eine Trinkdose zur Hand, philosophiert über den Müßiggang und genießt es, am Ende Staatsminister zu sein, was für ihn zu seinem früheren Gammler-Leben keinen Unterschied ausmacht. Ariane Scherpf verlässt sich in ihrem Bühnenbild auf das anheimelnde Ambiente des Schlosshofes, auf dem sie ein großes Podest aufgestellt hat mit dem Vorhang, der sich öffnet, als Leonce und Valerio auf Wanderung gehen – angedeutet dadurch, dass beide, an Seile gebunden, auf der Stelle schreiten. Auch hier braucht Scherpf nur vier Pflanzenkübel mit Zierbäumen auf Rädern, um schnelle Ortswechsel zu markieren. Mit der Rückkehr zur Welt des König Peter, den nun Diana Wolf allein spielt, wird der Vorhang wieder zugezogen.

Insgesamt lässt der Abend auf einen großen Kraftaufwand des Theater Aalen schließen – zumal, weil aufgrund der Hygienemaßnahmen nur circa 40 Zuschauer pro Vorstellung dem Geschehen zusehen können.

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