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Smells like teen spirit

William Shakespeare: Romeo und Julia

Premiere: Theater: Thalia Theater
Regie: Jette Steckel   Foto: Armin Smailovic 
Von Jens Fischer am 05.09.2014

Glühwürmchen-Romantik, eine überirdisch gülden funkelnde Illusion. Denn Florian Lösches Bühnenbild ist ein schwarzer, leerer Todestempel, in dem Lichterketten-Vorhänge baumeln. Düster verstörende Electro-Grooves grummeln hindurch. Aus nächtlicher Verzweiflung sich aufrappelnde, aufbäumende und ihr doch mit elegantem Pathos erliegende Lieder webt Balladenrockerin Anja Plaschg („Soap&Skin“) kommentierend in den Atmosphäre-Pomp.

Beiläufig als Bummelant schleicht Romeo (Mirco Kreibich) herein, ansonsten auch mal kerlig wild, poltert er nun schlicht gegen eine Wand, fällt um, liegt benommen da wie ein Kleist’scher Träumer. Ein zärtliches und noch schmerzlich unerwidertes Gefühl ist für ihn Metaphernschmiede, er rezitiert Possierliches und Altersweises zum Thema Liebe. Auch Julia (Birte Schnöink), ansonsten gern mal aufbrausend pubertär, hat mit ihrer Mischung aus Bodenständigkeit und heiligem Ernst etwas Kleist’sches, Käthchenhaftes. Aber ein Amor-Darsteller versucht vergeblich, mit einem Pfeil das werdende Paar emotional zu illuminieren. Irgendwie empfinden sie zwar die alles außer Kraft setzende Seligkeit, mehr geht nicht, aber das macht sie gleich wieder zweifelnd unsicher und wird mit Lakonie bedeckt.

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Unverstellte Naivität, unverdorbene Lebensfreude, emphatisches Aufblühen, Taumel der Lust? Nirgendwo ein Weltentzündungsvorgang! Nur die Lichterketten glühen. Jette Steckel inszeniert den Mythos aller Teenielieben von Beginn an als Tragödie. Wenn der Tumult der Hormone die Liebenden einander erkennen lässt – epiphanisch, rückhaltlos, unhintergehbar, glorios – und beide dazu (von Steckels Vater Frank-Patrick) ungestüm frisch übersetzte Shakespeare-Sentenzen sprechen, klingt das, als würden Romeo und Julia diese erstmal fremdelnd abschmecken, ob sie mit dem inneren Erleben zur Deckung zu bringen sind. Vergiftet aber scheinen ihre Gemüter, glauben dem Überschwang kein Wort. Coole Auskenner von heute sollen es sein, haben sich in Sachen Sex und dem Ausnahmezustand der Neurotransmitter schon online schlau gemacht, wissen alles und glauben an nichts mehr. Bevor sie überhaupt etwas erlebt haben.

Mit todtrauriger Geilheit springen sich Romeo und Julia nun an, suchen Sicherheit in Sachlichkeit. Dass innere Toben befreit sich nur mal als Schrei oder in Aggressionsschüben. Die beiden haben keine Chance, nutzen sie auch nicht, denn die Liebe – ist immer eine zum Tode. „Es gibt nichts ohne sein Gegenteil“, wie Romeo schon anfangs resigniert. Und Julias „Leb’ wohl mein Hirn“ ist kein freudiger Aufbruch, sondern willenloses Akzeptieren, dass Liebe die Liebenden oder die Liebe zerstört. Auch die Glühwürmchen-Romantik verweilt nach dem furiosen Beginn vornehmlich ausgeknipst im Schnürboden. Ein anschwellender Rockgitarrengesang mit wütend verzerrtem Melodiefragment bereitet auf die Liebestode vor.

Das versöhnlerische Finale hat Steckel konsequenterweise gestrichen, wie der Liebe wird auch der sühnenden Kraft des Leides misstraut. Aber bis dahin passierte etwas, was für Steckels Arbeiten bisher nicht galt: Die Inszenierung zerfleddert. Gelang es der Regisseurin bis dato zumeist, ihr Thema aus dem jeweiligen Stück hochkonzentriert herauszusezieren, von allen Seiten zu beleuchten und die Zuschauer mitzunehmen beim ganz grundsätzlichen Weiterdenken und Abgleichen mit dem Hier und Heute – taumelt sie jetzt von Aspekt zu Effekt und zurück und so fort. Sie findet und feiert immer wieder reizvolle Bilder, hat überreichlich Improvisationen aus den Proben in die Premierenfassung übernommen, schmäht Albernheiten nicht, fokussiert Nebenschauplätze (Drogenkonsum) und Nebenfiguren (Julias machtgeiler Vater), ohne wirklich zu erzählen, warum es zwischen Romeo und Julia nicht klappt, nicht klappen kann. Und warum aller Leben diese tiefschwarze Müdigkeit befällt.

Beispielhaft ratlos stehen 20 jugendliche Romeos und 20 jugendliche Julias auf der Bühne. Sie beleben als maskierte Statisten mit uniformen Techno-Disco-Gehüpfe zwar das Fest der Capulets, singen auch mal im Chor und gemeinden die Hauptdarsteller in ihre Gruppe ein. Schließlich sollen die einen ja die existenzielle Not der anderen darstellen: Liebe in Zeiten abgeklärter Beziehungen und sportivem Gelegenheitssex. Aber die Jugendlichen werden ansonsten nicht richtig eingebunden, gucken meist nur zu – wie die Schauspieler Shakespeare kosten. Und so gar nicht trunken, nur melancholisch werden …

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