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Schule des Lebens

Jean-Philippe Rameau: Les Indes galantes

MusiktheaterPremiere: Theater: Bayerische Staatsoper
Regie: Sidi Larbi Cherkaoui  Musikalische Leitung: Ivor Bolton   Foto: Wilfried Hösl 
Von Klaus Kalchschmid am 26.07.2016

Jean Philippe Rameaus Opéra-ballet „Les Indes galantes“, uraufgeführt 1735, hat eine Vielzahl von Schauplätzen und Handlungssträngen zwischen der Türkei, Peru, Persien und Amerika. Doch Anna Viebrocks Einheitsraum für die Münchner Erstaufführung bei den Opernfestspielen im Prinzregententheater ist ein Innenraum wie im (Naturkunde-)Museum. Er zeigt zu Beginn ein Klassenzimmer, das zur Kirche mutiert, zum Blumenladen wird und schließlich ein Zeltlager mit Backpackern beherbergt, das auch ein Flüchtlingslager sein könnte, zumal statt französischer Fähnchen nun eine kleine Europaflagge geschwenkt wird. Dafür muss der Choreograph Sidi Larbi Cherkaoui die Handlung straffen, kürzen, zuspitzen und die Tänzerinnen und Tänzer seiner Truppe namens „Eastman“ als Multikulti-Putztruppe agieren lassen. Doch das gelingt ihm furios, oft herzerfrischend komisch und mit einer Lockerheit in der Bewegung von Tänzern und Sängern (fast alle in Doppelrollen), dass man am Ende beschwingt das Prinzregententheater verlässt, zumal auch auf höchstem Niveau gesungen und musiziert wird.

Schon wie am Anfang im Prolog Hebe (herrlich gouvernantenhaft: Lisette Oropesa) als Lehrerin anhand von großen Karten Flora und Fauna unterrichtet und doch nicht verhindern kann, dass die Jungs zu Waffen greifen, verblüfft in der spielerischen Logik der Umdeutung. Wenn anschließend Emilie (mit feinem Glanz: Elsa Benoit) gegenüber Osman (bassgewaltig und doch stilistisch sicher: Tareq Nazmi) um ihren Valère kämpft, dann agiert dafür der famose hohe Tenor Cyril Auvity virtuos singend und zugleich angstfrei hoch über den Vitrinen auf deren Decke tänzelnd. Für diesen männlichen Mut und Charme verzichtet sogar Osman auf die Angebetete.

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Statt bei den Inkas spielt der zweite Akt in einer Kirche der Conquistadors. Der offenbar konvertierte Priester Huascar (mit viel Mut zur Komik und doch kernig: François Lis) rollt auf einem blinkenden automatischen Mini-Segway herein und versucht mit allerlei christlichem Hokuspokus (wozu neben Wandlung und Kommunion hier auch die Anbetung des goldenen Kelchs mit dem Blut Christi zählt) Phani (sopranglitzernd: Anna Prohaska) für sich zu gewinnen und traut am Ende gleich dutzendweise die Paare, deren Bräute die Sträuße im fliegenden Wechsel weiterreichen; nur ein Männerpaar wird geflissentlich ignoriert.

Der dritte Akt beginnt mit einer wunderbaren Verkleidungsszene: Tacmas (wieder Cyril Auvity) ist eine spanische Schönheit in allerlei Spitzen und hohem Kopfputz, Fatime (noch einmal Anna Prohaska) gibt den kernigen Mann. Am Ende bekommt Ali (erneut Tareq Nazmi) seine Fatime und Tacmas Zaire (die in jeder Hinsicht wunderschöne Ana Quintans). Im vierten Akt eifern drei Männer um eine Frau. Der größte, schönste und – angeblich treuste – bekommt Zima (Lisette Oropesa) denn auch: Adario alias John Moore - ein edel kraftstrotzender Bariton mit den umfassenden Qualitäten, die sich eine Frau nur wünschen kann. Der Eifersüchtige (François Liz) und der freigeistig Frivole (Mathias Vidal) trösten sich durchaus nicht unwillig miteinander.

Das umfangreiche „ballet général“ schlägt von ausgelassener Stimmung in eine herrliche Prügelei um, bevor am Ende wieder eitel Sonnenschein herrscht, bewacht – oder bedroht - von bewaffneten Militärs, die ihre Gewehre gerade entsichert haben. Zuvor waren Backpacker – oder Flüchtlinge - unterwegs, die es in einem Sturm mehrfach quer über die Bühne wehte, wunderbar getanzt und gespielt vom ganzen Ensemble, wie überhaupt die zwölf Tänzerinnen und Tänzer mit einer spielerischen Leichtigkeit und Lässigkeit, aber auch – fast durchweg barfuß – einer heiteren Sinnlichkeit agierten, die Fragen nach einer ausgefeilten Choreographie oder Präzision des Getanzten obsolet werden ließen.

Famos sang der Balthasar-Neumann-Chor, nicht minder exzellent spielte das aus Originalklang-Spezialisten bestehende sogenannte „Münchner Festspielorchester“, in dem sich allerdings kein Münchner Musiker versteckte. Dirigent Ivor Bolton und alle Mitwirkenden wurden frenetisch gefeiert. Gleichwohl ist es sträflich, dass diese Produktion nur fünfmal bei den diesjährigen Opernfestspielen zu erleben ist und dann vom Spielplan verschwindet. 

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