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Rossini'scher Crescendi-Taumel

Gioachino Rossini: Sigismondo

MusiktheaterPremiere: Theater: Rossini-Festival
Regie: Jochen Schönleber  Musikalische Leitung: Antonino Fogliani   Foto: Patrick Pfeiffer 
Von Eckehard Uhlig am 15.07.2016

Was das Belcanto Opera Festival „Rossini in Wildbad“ in kurzer (Proben-) Zeit mit bescheidenen (finanziellen) Mitteln auf die improvisierte Bühne in der Trinkhalle des Schwarzwald-Kurbades bringt, ist beeindruckend. Als Hauptstück der diesjährigen Festspielzeit (noch bis zum 24. Juli) erlebte Gioachino Rossinis Seria-Oper „Sigismondo“, die bei ihrer Uraufführung 1814 in Venedig ein Flop war und deshalb in Vergessenheit geriet, eine fulminante Premiere. 

Am Dirigentenpult trieb der italienische Rossini-Spezialist Antonino Fogliani seine „Virtuosi Brunenses“ schon in der Ouvertüre mit immer neuen Anläufen in einen Funken sprühenden Taumel der Crescendi und hielt während der gesamten Aufführung die Klangmaschinerie ständig in Schwung. Auch wurden besondere Effekte der Instrumentierung, etwa das solistische Zusammen-spiel von Englischhörnern und Piccoloflöten, ausgekostet. Fogliani akzentuierte scharfkantig exakt. Selbst in den großen Szenen mit Chor, wenn jeder Schlag sitzen muss, wackelte nichts. Dabei kam ihm das scheinbar selbstverständliche Zusammenwachsen heterogener Ensembles (neben dem böhmischen Orchester die „Camerata Bach Chor Poznan“ aus Polen) zupass. Vor allem aber konn-ten die wichtigen Rollen in Wildbad mit Vokalsolisten besetzt werden, die alle Zumutungen des Belcanto-Ziergesangs brillant bewältigten und die Kostbarkeiten Rossini'scher Kompositionskunst mit Strahlkraft ausstatteten.

Das umständlich verwickelte Libretto von Guiseppe Foppa ist eine Variante der Genoveva-Legende und handelt, auf seinen Kern reduziert, von einem verzweifelten, von Gewissensqualen geplagten König, der seine Gattin zum Tode verurteilt hat, weil sie von einem eigennützig verliebten Höfling des Ehebruchs beschuldigt wird. Beschützt von ihrem mächtigen Vater kann sich die Königin in einen geheimnisvollen (Schwarz-)Wald flüchten und verstecken, bis es zu kriegerischer Begegnung und schlussendlich zur Aufklärung der Höflings-Intrige und Aussöhnung aller Beteiligten kommt.      

Sigismondo, dieser seelisch zerrissene König, wird als Hosenrolle von der Mezzosopranistin Margarita Gritskova unerhört dramatisch gegeben. Dabei steht dem Ensemble-Mitglied der Wiener Staatsoper eine ausdrucksstarke Koloratur-Stimme zur Verfügung, deren Farben vom schauerlich dunklen Wahnsinns-Ausbruch bis zur zärtlichen Liebes-Ansprache reichen. Kühne Koloraturen und mit Verve ausgehaltene Spitzentöne sind auch Markenzeichen der Sopranistin Maria Aleida, die international als „Zauberflöten-Königin der Nacht“ brilliert und in Wildbad mit glockenhellem Timbre in der Partie der zu Unrecht verurteilten Königin Aldimira begeisterte. Kein Wunder, dass die Duette der beiden Solistinnen (je eines in den zwei Akten) zu den Höhepunkten des Opern-abends zählten. Dazu gehörte auch das musikalisch reizvolle Stretta-Quartett, in dem sich zu den beiden Frauenstimmen noch der klangschön klare, ebenfalls koloraturensichere Tenor Kenneth Tarver (als intriganter Höfling Ladislao) und der tiefschwarz dröhnende Bassist Marcell Bakonyi (als UldericoBeschützer Aldimiras) hinzu gesellten. Paula Sánchez-Valverde (Ladislaos Schwester) und César Arrieta (Ladislaos Vertrauter) ergänzten die Solo-Gruppe mit charaktervollem Singen und Spiel. Die Wucht der Männer-Chöre, insbesondere der zu Hörnern schmetternde „Chor der Jäger“, gliederte den Wechsel von Arien, Duetten und (von Michele D'Elia am Fortepiano begleiteten) Secco-Rezitativen.

Jochen Schönlebers Inszenierung präsentiert sich leicht und verspielt, der überspannten Traurigkeit der Handlung zum Trotz, und vollzieht sich auf einer von Robert Schrag minimalistisch ausgestatteten, in bläulichen Schimmer getauchten Blackbox-Bühne, deren bewegliche Rückwand-Elemente mit transparenten Folien bespannt sind, die – passend zur Handlung – allerhand Spiegel- und Trugbilder  der agierenden Protagonisten bieten. Aus dem von Claudia Möbius zurückhaltend modern kostü-mierten Figuren-Ensemble stechen zwei Akteure hervor – Ladislao im weißen Party-Löwen-Anzug und zeitweise Aldimira mit einem rosafarbenem, von einem Liebestöter unterfütterten Tutu-Kleidchen. All das sind schmückende Beigaben zu einer herrlich schäumenden Musik. 

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