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Rituale pur

Philip Glass: Echnaton

Premiere: Theater: Oper Dortmund
Regie: Giuseppe Spota   Foto: Björn Hickmann ( Stage Picture)/Oper Dortmund 
Von Andreas Falentin am 25.05.2019

Der Beginn verspricht sehr viel. Punkte wandern chaotisch über schwarze Leinwand und verbinden sich zu einer stilisierten Menschenfigur, die sich von uns weg bewegt, nach hinten. Dieser Gang geht über in einen eigenwilligen Pas de Deux auf der Bühne: Ein Körper tanzt mit seinem Kopf. Der Italiener Giuseppe Spota ist Choreograph. Seine Mittel sind Körper und Bewegung, Licht und Dekor. Und Tanz, zumal wenn er so frisch und energiegeladen daherkommt wie vom NRW Juniorballett, scheint ein produktives Mittel, um aus Philip Glass‘ farbenreichen und  sperrigen Minimal Patterns sinnliches Theater zu machen.

Glass‘ frühe Trilogie gestaltet drei historische Episoden anhand von fragmentierten Biographien, nimmt mit „Einstein on the beach“ die Wissenschaft, mit „Satyagraha“ und der Figur Gandhis die Politik, mit „Echnaton“ die Religion in den Blick. Drei Menschen, die jeder auf ihrem Gebiet, mit ihren Ideen ihrer Zeit voraus waren – und lange folgenlos blieben. Der Mensch lernt nichts, scheint Glass, sagen zu wollen, und doch schafft er immer wieder Bedeutendes, was irgendwann vielleicht doch produktiv wird.

Wie schenkt man dieser merkwürdig allgemeinen These, die in durchaus attraktiven, nach Abstraktion geradezu brüllenden Partituren aufgeht, heute ein Theater-Leben? Vor zwei Jahren hat Kay Voges in Dortmund aus „Einstein on the Beach“ ein wildes, multimediales Happening gemacht. In der letzten Spielzeit hat Laura Scozzi in Bonn aus dem Subtext von „Echnaton“ eine Nebenhandlung gebaut, um das Stück sichtbar für heutige Fragestellungen zu öffnen. Giuseppe Spota betrachtet das Stück eher von innen und zeigt es als Abfolge von Ritualen: Tod des Vorgängers, Inthronisierung, Machtausübung und Umwälzung, Liebesakt, Bau einer Stadt, Entmachtung und Tod. Das kommt fast daher wie ein ewiger Zyklus. Bei dessen Gestaltung haben Spota und seine Ausstatterin Tatyana van Walsum versucht, keinerlei überflüssige, dekorative Reize zu schaffen. Und doch gibt es eine Anmutung von Opulenz. Die wenigen Elemente, mit denen die oft bewegten Hubpodien verkleidet werden, wirken genauso edel wie die Kostüme, die als geschmackvoll stilisiertes Bilderbuch-Ägypten daherkommen.

Dieser Ansatz fasziniert da, wo Spota der musikalischen Abstraktion eine der Bühne entgegensetzt, wo er Handlung nicht erklärt oder verdoppelt, sondern über Bild und Musik Beziehungen aufbaut. Das gelingt am schönsten nach der Pause, wenn  die Stadt entsteht, die Echnaton 1345 vor Christus seinem Licht-Gott Aton geweiht hat, ein spirituelles Erdbeben: die Einführung des Monotheismus. Wieder sammeln sich Punkte auf schwarzer Leinwand, deuten nach und nach Gebäude an, dann eine Stadt, die, mit angenehm heiterer Ironie, immer moderner wird bis hin zu Stadion und Autobahnkreuz. Und dann tanzen die Tänzerinnen und Tänzer vom NRW Juniorballett in goldglänzende Overalls gehüllt, einfach das Licht. Bezwingend. Mehrere Passagen entwickeln ähnliche Kraft, wenige wirken leer und dann eben doch dekorativ, manchmal wird auch plan und unscharf erzählt, etwa bei der Entmachtung des Hohepriesters. Und der 80-jährige Claus Dieter Clausnitzer, viele Jahre lang das Dortmunder Schauspiel-Idol, wirkt wie ein Fremdkörper, geht wie ein Privatier vor und auf der Bühne herum und strukturiert seine Texte professionell. Wir sind einmal mehr gebannt von seiner großen Ausstrahlung und bangen mit ihm bei mehreren kleinen Textunsicherheiten. Inszeniert ist er leider gar nicht.

So entsteht gelegentlich der Eindruck von Reizarmut. Was nicht an den Sängern liegt, obwohl David DQ Lee in der Titelrolle ein wenig brüchig klingt und uns eher mit seinen Blicken und seiner Körpersprache einfängt als mit seiner Stimme. Der von Fabio Mancini einstudierte Chor ist dagegen überwältigend in seiner Klangpracht und –macht und seiner Ausdrucksvielfalt und in den kleinen Rollen wird mehr als rollendeckend gearbeitet, mit einer großartigen Anna Sohn als Echnatons Mutter Teje, die Glass‘ Minimal Patterns mit brennender Expressivität adelt.

Das Problem des Abends kommt eindeutig aus dem Graben. Montonori Kobayashis Dirigat fehlt es an Kraft und Form. Er dirigiert brav durch, gestaltet Steigerungen, wo sie in der Partitur stehen, bringt aber diese Musik nicht zum Leben. Es fehlt an Drive, an Klangphantasie und manchmal auch an Klangbalance, an dynamischer und rhythmischer Akzentuierung, schlicht: an eigenem Zugriff. So wirkt selbst die für die Komposition so wichtige virtuos gesetzte und gespielte Solo-Trompete bei dieser Premiere – müde. Weil es keine definierte Klangstruktur gibt, von der sie sich absetzen, aus der sie sich erheben könnte. Ein Missstand, der wieder einmal zeigt, wie schwer ein guter Opernabend zu haben ist. Alle müssen das gleiche wollen und jeder seinen Gestaltungsspielraum auf optimale Weise nutzen. Eine unmögliche Kunstform, wie man weiß. Die dennoch immer wieder Erlebenswertes hervorbringt. Wie, und das sei trotz aller beschriebenen Einschränkungen deutlich betont, „Echnaton“ in Dortmund.

 

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