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Rettung aus dem Graben

Benjamin Britten: Albert Herring

Premiere: Theater: Musiktheater um Revier
Regie: Thomas Weber-Schallauer  Musikalische Leitung: Valtteri Rauhalammi   Foto: Pedro Malinowski 
Von Andreas Falentin am 05.05.2014

Vor dem geschlossenen Vorhang steht ein Miniaturdorf im englischen Stil, mit Kirche und Leuchtturm. Wird also aus der Vogelperspektive erzählt, Brittens mit leichter Hand gepinseltes Typenarsenal auf diese Weise neu strukturiert, entschlossen bewertet, satirisch zugespitzt?

Die Inszenierung des auch für die bremer shakespeare company arbeitenden Thomas Weber-Schallauer ist vor allem hochmusikalisches Arrangement. Er ordnet die von Martina Feldmann etwas wohlfeil in historische Kostüme gewandeten Figuren professionell im Raum an, in guten Momenten mit unaufdringlichem Witz. Und erzählt schlicht die Fabel um die lächerliche Sittenwächterin und den verklemmten Jungen, der aus vorgeblichem Mangel an moralisch integren weiblichen Alternativen zum Maikönig gemacht wird, unwissentlich Schnaps trinkt und dadurch ermutigt wird, eine Nacht im Nachbardorf das „Leben“ kennenzulernen. Die nachbuchstabierte Idylle wird von den kubistisch inspirierten, formbewussten Bühnenbildern von Britta Töne mit ihren ins Surreale kippenden Accessoires, wie schrägen Regalen oder leeren Bilderrahmen, zumindest ansatzweise konterkariert.

Die eigentliche Rettung kommt aber aus dem Graben. Valtteri Rauhalammi hat seine 12 Musiker diagonal in die Tiefe gestaffelt. Er dirigiert von rechts vorn, direkt vor dem Leuchtturm – und leistet all das, was der Anblick des kleinen Dorfes hoffen ließ. Die von den Orchestersolisten der neuen Philharmonie Westfalen mit viel Brillanz und heißem Herzen gespielte Musik hat den scharfen Witz, die pulsierende Energie, die Unerbittlichkeit, auf die die Inszenierung verzichtet. Der erste Kapellmeister des MIR legt die Bigotterie der Honoratioren, die Arroganz der Eltern-Generation unerbittlich bloß und feiert, darin ganz einig mit dem Komponisten, die Integrationskraft junger Menschen. Aber auch hier wahrt Rauhalammi die Distanz, erliegt nie der bei Britten überall lauernden Gefahr, niedlich oder gar süßlich zu werden.

Auf diese Impulse stürzen sich die Sänger mit großem Enthusiasmus und schwingen sich zu einer außergewöhnlichen Ensembleleistung auf, angeführt von Anke Sieloff und Michael Dahmen, die mit ihrer unaffektierten und souveränen Verkörperung eines kleinbürgerlichen Liebespaares nachdrücklich das Herz wärmen. Hongjae Lim trifft mit hängenden Schultern genau jenen unprätentiös verdrucksten Ton, den sich Britten für seinen Anti-Antihelden vorgestellt haben mag – und der das Publikum aktiv vor die Wahl stellt, diesen Albert zu mögen, zu bemitleiden oder zu verachten. Karen Fergurson, der einzige Gast, gibt als Lady Billows kompetent die sittenstrenge Exzentrikerin, auch wenn ihr vokal ein wenig das Monströse fehlt. Das wiederum steht ihrer Haushälterin, der lässig pastosen Almuth Herbst, im Überfluss zur Verfügung.

Mit entschlossenerem, haltungsstärkerem Regiezugriff hätte aus dieser schönen Opernaufführung erfülltes, packendes Musiktheater werden können!

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