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Restauration

August Bournonville/Lloyd Riggins: Napoli

Premiere: Theater: Hamburg Ballett John Neumeier
Komponist: Edvard Helsted, Holger Simon Paulli, Niels Wilhelm Gade, Hans Christian Lumbye   Foto: Holger Badekow 
Von Dagmar Ellen Fischer am 08.12.2014

Bei der Tarantella erreicht der Abend seinen Siedepunkt: Italienische Lebenslust, importiert aus Dänemark, lässt deutsche Fußspitzen rhythmisch wippen. Wenig später entlädt sich hanseatisches Temperament unkontrolliert in hörbarer Begeisterung – beim brandenden Applaus des Publikums nach der Premiere des dreistündigen Balletts „Napoli“ in der Hamburgischen Staatsoper. Der Dänen liebstes Tanzkind, 1842 in Kopenhagen in der Choreographie von August Bournonville uraufgeführt, wurde von John Neumeiers „Hamburg Ballett“ adaptiert. Adoptiert würde fast besser passen.

Im Laufe seines 172 Jahre währenden Lebens kümmerten sich immer wieder andere Ziehväter um die Entwicklung. So kommt es, dass die Akte eins und drei erhalten blieben, das Mittelstück des romantischen Handlungsballetts jedoch durch zahlreiche Umgestaltungen verloren ging. Diesen mittleren Akt choreographierte nun der Amerikaner Lloyd Riggins für die aktualisierte Hamburger Fassung neu. Der Erste Solist, Ballettmeister und ab nächster Spielzeit John Neumeiers Ko-Direktor (mit der Option, sein Erbe anzutreten) war acht Jahre beim Königlich Dänischen Ballett in Kopenhagen engagiert und ist folglich ausgewiesener Bournonville-Experte. Das braucht es auch, denn dessen Werke basieren zwar auf der klassisch-akademischen Tanztechnik, haben aber eine eigene stilistische Ausprägung: sehr schnelle Schritte, viele Hüpfer und kleine Sprünge sowie rasante Drehungen. Die Tänzer sind mit filigraner Technik bei gleichzeitiger Allegro-Ausführung extrem gefordert, müssen quasi dänische Präzisionsarbeit mit explosivem, mediterranem Lebensgefühl im eigenen Körper zusammenführen.

Das Ergebnis übertraf alle Erwartungen. Riggins gelingt die tänzerische Quadratur des Kreises: das fehlende Mittelstück für eine Compagnie des 21. Jahrhunderts frisch zu choreographieren, ohne den Geist des Altmeisters zu verraten, dabei sozusagen Adapter in beide Richtungen zu den traditionellen ersten und dritten Akten anzulegen, um ein organisches Ganzes mit fließenden Übergängen zu gewährleisten.

„Napoli oder Der Fischer und seine Braut“ erzählt von der Liebe zwischen Gennaro (Alexandre Riabko) und Teresina (Silvia Azzoni), die sich zunächst gegen weltliche Widerstände – die Mutter der Braut zöge einen reichen Schwiegersohn vor – und dann gegen jenseitige Mächte in Gestalt eines Wasserdämons (Otto Bubenícek) behaupten muss. Typisch im romantischen Ballett, wird die Handlung durch pantomimische Gesten vorangetrieben, die sich mit reinen, nicht narrativen Tanzsequenzen abwechseln. Diese Pantomimen sind einem Code vergleichbar, den Zuschauer im 19. Jahrhundert entschlüsseln konnten, der indes heutigem Publikum – und auch den Tänzern – nicht unbedingt vertraut ist. Das führt dazu, dass einigen Tänzern diese Gesten in Richtung Pathos verrutschen, andere wiederum sich die Körpersprache der Vergangenheit aufs Glaubwürdigste aneigneten, so dass clowneske Komik wirken kann (Carsten Jung).

Die Hamburger Fassung von „Napoli“ erinnert an die hohe Kunst des Restaurierens historischer Gemälde, bei denen eine große verblasste Stelle mit Farben aus einem anderen Jahrhundert nachgezeichnet werden muss – und eine vergangene Epoche lebendig wird.   

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