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Reise zum Ort der Empathie

Karl Alfred Schreiner: Atlantis

Premiere:  (UA)   Theater: Staatstheater am Gärtnerplatz
Musikalische Leitung: Michael Brandstätter  Komponist: Pēteris Vasks, Fredrik Gran, Fazil Say, Elena Kats-Chernin, Brett Dean, Erkki-Sven Tüür   Foto: Marie-Laure Briane   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Vesna Mlakar am 09.06.2019

Blauschwarze Leere. Das Scheinwerfergestänge berührt beinahe den Boden. Aus dem Orchestergraben ertönt „Message“ („Vēstijums“) des lettischen Komponisten Pēteris Vasks. Schon der Sound erinnert an Meeresdokumentationen. Und mehr noch: Der Beleuchtungsapparat wird in die Höhe gezogen, nacheinander werden die Sucherspots angeknipst. Und dann wird in den Tiefen der Unterbühne des Staatstheaters am Münchner Gärtnerplatz zu Beginn von Karl Alfred Schreiners Balletturaufführung „Atlantis“ ein außergewöhnliches Wesen entdeckt.

Die langgliedrige Tänzerin Isabella Pirondi verkörpert eine Atlantikerin, deren Schicksal das Eingesaugtwerden in einen Glasbehälter ist. Mit dem abgestumpften Blick eines isolierten Gemeinschaftswesens muss sie fortan – in ihrem Element quasi schwerelos hinter Scheiben in luftiger Höhe gefangen – dem Treiben eines Forscherteams zusehen. Dessen Mitarbeiter bewegen sich geschäftig in linearen Formationen und öfter noch in Viererkonstellationen. Sie puzzeln stereotyp, höchst konzentriert und effizienzorientiert an neuen Erkenntnissen für die Menschheit herum. Musikalisch begleitet durch Fredrik Grans Stück für Streicherorchester „Pictures of Fields without Fences“ (auf Schwedisch: „Bilder av fält utan stängsel“).

Bei den resoluten Auftritten des Projektleiters – stets auf den Funktionsfluss zwischen Crew, Untersuchungsobjekt und Laborschaltpult achtend: Thomas Martino – mag einem George Orwells Roman „1984“ in den Sinn kommen. Als Jonathan Watkins 2015 diesen Stoff für das Northern Ballet adaptierte (auf DVD bei Opus Arte erschienen), versuchte auch er, choreografisch Formen und klare Schemen als Ausdruck für eine kalte, herzlose, rein dem Zweck und Sammeln von Informationen dienende Welt zu finden.

Karl-Alfred Schreiner will jedoch eine andere Geschichte erzählen. Der Fokus schwenkt auf den Tänzer Luca Seixas. Dieser interpretiert voll Inbrunst einen Wissenschaftler, dem die Analyse aus der Ferne allein nicht mehr reicht. Er bricht aus der Regelhaftigkeit aus, streift sich den für alle obligaten weißen Schutzanzug vom Oberkörper über und nähert sich – sichtlich offenherzig und neugierig hingezogen – der Unbekannten. Ein echter (Wissens-)Austausch zwischen fremden Welten bzw. Kulturen kann eben nur durch ehrlichen, direkten Kontakt passieren. 

Gegenseitige Toleranz spielt dabei eine wichtige Rolle. Darauf scheint es Schreiner hier anzukommen. Daran arbeitet er sich ab – mit viel abstraktem Bewegungsmaterial rund um eine kleine Erzählung, in der Atlantis keine legendäre, versunkene Stadt ist, sondern ein philosophischer, utopischer Ort, an dem Offenheit, Freiheit und Gleichheit gelebt werden. Ein Platz, von dem Schreiner schon im Vorfeld der Premiere geäußert hat, dass er ihn persönlich im Herzen trägt. Eines der insgesamt 20 Ensemblemitglieder bringt es im Programmheft so auf den Punkt: „Utopia ist für mich das, was nach dem Tod kommt.“ Eine Art Vorwegnahme auf Schreiners finales Bild.

Kompanie sowie das den Choreografen unterstützende Team für die wunderbar cineastisch-starke, live gespielte Musik sieben lebender zeitgenössischer Komponisten (am Pult: Michael Brandstätter) und für die Ausstattung (Bühne: Julia Müer, Heiko Pfützner; Kostüme: Alfred Mayerhofer) haben sich mächtig in die Idee hineingedacht. Das merkt man dem symbolisch auf Wesentliches reduzierten Bilderreichtum des Stücks über all seine langen, rein physisch auf den Zuschauer einwirkenden Tanzpassagen an. „Kompletter Schmarrn“ – so ein sich vorzeitig in der Pause verabschiedendes Besucherpaar – sieht dagegen anders aus.

Wer allerdings eine Abenteuergeschichte vergleichbar einschlägigen „Atlantis“-Filmen mit viel Action erwartet hat, den mag die Menge an Zeit irritieren, die Schreiner den Tänzern gibt, um die Qualitäts- und Kommunikationsmerkmale zweier konträrer Lebenskonzepte choreografisch zu beschreiben. Nachdem Luca Seixas sich zur Flucht aus seiner technokratischen Welt entschließt, bestimmt „Zoom and Zip“ der usbekischen Komponistin Elena Kats-Chernins die Dauer seiner Expeditionsreise.

Und diese bedeutet – eingebettet ins Ensemble, sonor minimalistisch aufgewühlt und von Momenten der Gefahr und Auseinandersetzungen durchsetzt – einen Erfahrungstrip ins eigene Innere inklusive kuriosen Begegnungen. So wirbelt einmal ein weißzotteliges Trio-Geschöpf durch den arktisch anmutenden Raum, bevor der Wissenschaftler auf seiner Suche nach Atlantis als einem Ort von Empathie und gegenseitigem Respekt in einer von den Tänzern mit Folie erzeugten Tsunamiwelle untergeht.

Auslöser für den Trip sind die Blicke und Berührungen, die der Mann und die Fremde heimlich austauschen. Aus Neugier wird schließlich Sympathie und Zuneigung. Für ein Duett, das sich zu Fazil Says Klavierkonzert Nr. 2 „Silk Road“ im Partnering von weiblicher Kraftlosigkeit bis zu gleichwertiger Standfestigkeit hübsch steigert, wird die Atlantikerin aus ihrem Hängekorsett befreit. Die hartkantige Laborwelt um sie herum versinkt. Doch die Folgen sind fatal: Der Wissenschaftler vermag nicht mehr, sich in den individualitäts- und emotionslosen Bewegungskanon seiner Kollegen einzureihen, bricht solistisch aus. Das Wassermädchen verendet bei reagenzglasfreien Untersuchungsbedingungen. Unter Einsatz der Drehbühne spielen die Tänzerinnen und Tänzer diese Szene pantomimisch eindringlich aus, ziehen den wertlos gewordenen, toten Körper mit giftig-gelben Hacken unter eine Plane.

Nach der Pause sorgt das von Carlo Gesualdos Madrigalen inspirierte Werk „Carlo“ für Streicher, Sampler und Tonband des Australiers Brett Dean für ein atmosphärisch flirrendes, entrücktes Klangerlebnis. Die gesamte Truppe darf sich im fleischfarbenen Freizeitlook ungesichert auf einer olympiadachähnlichen Seilkonstruktion austoben bzw. über verschiedene Ebenen hinweg floaten. Räumlich und bewegungsmäßig eine ganz neue Herausforderung! Der Rezensentin ist es übrigens verborgen geblieben, wann die Tänzer im wassergleichen Licht (Kompliment an Beleuchter Michael Heidinger) ihre Sportschuhe für die waghalsigen Touren auf dem Netzgelände an- und für die Passagen am Bühnenboden wieder auszogen.

Der sinnliche Spaß dieses zweiten Akts dauert mit 35 Minuten nur halb so lang wie der des ersten. Wellen schlägt bloß mehr der Tanz. Wir sind in Schreiners Atlantis angekommen, wo alle aufgrund ihrer Menschlichkeit miteinander vernetzt sind, aufeinander achten und sich mal solistisch, mal in Paaren oder symbiotisch in einer Gruppe entfalten. Niemand braucht hier sonst etwas. 

Auf ein Wiedersehen mit Luca Seixas, den abgesoffenen Wissenschaftler, muss man fast bis zum Schluss warten. Schreiner gelingt ein sehr schlichtes, berührendes Finale. Seine handlungstragende Figur taucht aus dem Hintergrund auf und erreicht sterbend das Ziel ihrer Suche mit einem letzten, winzigen Atemrest. Zugleich verdichtet sich die Gemeinschaft der Atlantiker zu einem an den Armen verketteten Schwarm. Musik (Erkki-Sven Tüür: „Insula Deserta“) und Bühnentechnik leisten emotional den Rest. Liebevoll in die Atlantis-Gesellschaft aufgenommen öffnet sich ein swimmingpoolgroßes Grab für den Wissenschaftler im erlöschenden Bühnenlicht.

So subtil ging noch keine von Schreiners Münchner Choreografien auf. Ein geradezu versöhnliches Pendant zum vorangegangenen Gast-Premieren-Aufreger „Romeo und Julia“ der isländischen Choreografinnen Erna Ómarsdóttir und Halla Ólafsdóttir.

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