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Rache ohne Götter

Simon Stone: Die Orestie

Premiere:  (UA)   Theater: Theater Oberhausen
Regie: Simon Stone   Foto: Thomas Aurin   
Von Andreas Falentin am 04.02.2014

Die „Orestie“ ist die einzige erhaltene Trilogie des antiken Theaters – und in jeder Beziehung ein ziemliches Brett. Äschylos erzählt nicht nur ausschweifend eine große Geschichte, sondern gestaltet vor allem das Erreichen einer neuen Kultur- und Zivilisationsstufe, die Etablierung von Vernunft als rechtliche und gesellschaftliche Größe. Sieben Stunden hat Peter Stein seinerzeit für seine legendäre Schaubühnen-Aufführung gebraucht, Karin Beier nahm sich in Hamburg jüngst ähnlich viel Zeit.

Simon Stone kommt mit knapp fünf Stunden weniger aus. Aber er spielt auch nicht den Text von Äschylos, sondern seinen eigenen. Und er interessiert sich kaum für dessen philosophisch-politischen Diskurs. Stone interessiert die Story. Ihn reizen die Figuren. Und so überschreibt er die Vorlage, oder besser: Er schwärzt sie und füllt die Lücken aus. Der Chor ist gestrichen. Alles ist privat. Was Äschylos hinter die Bühne verbannt, ist in Oberhausen zu sehen, auch und vor allem die Morde. Erzählt wird, wenn auch nicht linear, von hinten nach vorne. Der „Eumeniden“ Teil wird weggelassen, dafür die Vorgeschichte einbezogen.

Das Publikum sitzt auf der Bühne um eine quadratische Spielfläche herum. Schwarzblenden – im Wortsinne – trennen die Szenen. Laute Musik, mal Rock, mal Barock und rote Leuchtschrift füllen inhaltliche Lücken und künden vom Atridenfluch, von der Generationen dauernden Gier-Rache-Schicksals-Tragik einer Sippe. Aber Stone schaut radikal von heute auf den Stoff, mit vielen f-Wörtern. Er sucht aktuelle Motivierungen und hebelt so seine eigenen Behauptungen aus. Aegisth etwa, der überwältigend charmante Jürgen Sarkiss, ist nur ein sinnenfroher Dekadent. Dass er die Ermordung seines Vetters aus Rache betreibt, kommt nicht vor. Und Iphigenie, deren Tod der Endpunkt des Abends ist, wird nicht für guten Wind für den Kriegszug geopfert, sondern erkrankt unheilbar. Ihr Vater leistet Sterbehilfe. Die Zerschlagung der antiken Motiv-Kette führt zwangsläufig zu einem Mangel an Stringenz.

Trotzdem ist der Oberhausener Abend sehenswert. Weil er frisch wirkt, spontan, unetabliert, oft wie improvisiert. Weil er cool und engagiert gespielt wird. Und weil Simon Stone viel gelernt hat aus der antiken Vorlage und genau hinschaut auf den Menschen von heute und seinen Figuren eine griffige, unprätentiöse Sprache in den Mund legt. Nicht unsympathisch sind diese aus den lebenskräftigen Archetypen entwickelten Bürger mit den schicken Schuhen, aber unsagbar Ich-zentriert. Soziale Bindungen werden nur behauptet und in Augenblicken der Not als Schutzschilde verwendet. Ansonsten tragen sie maximal so weit wie die eigene Leidenschaft. Orest wird bei Eike Weinreich vom Getriebenen zum Orientierungslosen. Sozial isoliert, vom Onkel unnatürlich verhätschelt, weiß er gar nicht, wie das geht: Familie. Was schulde ich denen? Was habe ich auf dem Konto? Der Mord an Ägisth unterläuft fast aus Versehen. Viel schöner wäre, der würde verhaftet und man hätte seine Ruhe. Die Ermordung der Mutter ist dann schon, im 21.JahrhundertSprech, alternativlos und unumkehrbar. Agamemnon ist bei Torsten Bauer ganz selbstgewisser „Leistungsträger“. Antje Schweitzer macht aus Klytämnestra ein Großbürgerweibchen, das zum Opfer der eigenen, intensiv gepflegten Psychosen wird. Das alles ist bemerkenswert genau gearbeitet, bricht in den besten Momenten absurd parodistisch auf und sinkt in schwachen Passagen auf gehobenes Fernsehspielniveau.

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