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Puzzle dich zum Amoklauf!

Paula Stenström Öhman: People Respect Me Now

Premiere:  (DSE)   Theater: Hans Otto Theater
Regie: Annette Pullen   Foto: HL Böhme 
Von Barbara Behrendt am 09.12.2016

Schon die Lektüre verwirrt, und es braucht mühevolle Kleinarbeit, die Puzzleteile von „People Respect Me Now“ zusammenzufügen. Der zwölfjährige Silas, von seinen Klassenkameraden verhöhnt und vermöbelt, feuert eine Pistole ab und verschafft sich Respekt – daher der Titel. Bevor Silas ausflippt, wird er heimlich Zeuge, wie die Schülerin Linda von Christer vergewaltigt wird – Christer ist der Vater seines Mitschülers Filip und trainiert das Mädchenfußballteam, in dem Linda spielt. Auslöser für Silas’ Amoklauf aber ist ein Vorfall in der Umkleide nach dem Sportunterricht: Der Problemschüler Anton misshandelt ihn übel mit einem Schuhlöffel. Anton seinerseits flüchtet zum Jugendamt, weil seine Mutter, eine Alkoholikerin, ihn verprügelt. Trost findet er bei Ludvig Geyer – dem Musiklehrer, den alle Schüler lieben. Der aber muss in den Knast, weil er in einem Tobsuchtsanfall seine Frau mit Schlüsselbund und Schere schlimm zugerichtet hat.

Ist das nun der Spoiler eines spannenden Krimis? Nein, eher eine Anleitung, um den Sprüngen auf der Bühne überhaupt folgen zu können – denn ohne Textkenntnis ist man verloren. Schon bei der Lektüre des in Schweden preisgekrönten Stücks von Paula Stenström Öhman muss man öfter mal zurückblättern: rund 30 Szenen, 24 Figuren plus solche, die nur erwähnt werden, reihen sich da in undurchschaubarer Folge aneinander – nach und nach erst wird deutlich, dass man als Detektiv gefragt ist, gleich mehrere Gewaltverbrechen aufzuklären. Über den reinen Krimi hinaus bildet das Stück aber auch eine tiefe Wahrheit unseres Zusammenlebens ab: Von jedem Menschen kennen wir kaum mehr als ein, zwei Puzzleteile seines Charakters. Öhman macht es sich nicht so einfach, den Mensch nur in Fassade und Kern aufzuspalten, nein, jeder ist komplex und vielschichtig – wir sind Opfer und Täter zugleich.

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Es ist ein anstrengendes, überfrachtetes, aber auch ein psychologisch ernsthaftes Stück, das die Potsdamer Chefdramaturgin Ute Scharfenberg für die Deutsche Erstaufführung am Hans Otto Theater übersetzt hat. Baute man auf die Ambivalenz der Figuren, auf die Tragik der vier Verbrecher und der blinden Mitläufer, könnte ein bedrückender Theaterabend ganz ohne moralische Belehrung entstehen.

Doch Annette Pullen, die sieben Jahre nach ihrem „Clavigo“ nun wieder eine Regiearbeit in Potsdam übernommen hat, setzt mit Schauspielstudenten der Babelsberger Filmuniversität „Konrad Wolf“ aufs genaue Gegenteil: Man erlebt eindimensionale, überzeichnete Figuren, großes Gepose, hastige Rollenwechsel – bis einem die Puzzleteile der Story aus der Hand geschlagen werden. Acht junge Spieler stemmen 20 Rollen, und man ist den Abend über hauptsächlich damit beschäftigt zu entschlüsseln, in welchem Kostüm nun gerade welche Figur steckt: Filip, Miguel, Anton, Silas, Inka, Linda, Camilla, Peter, Ludvig, Susanne, Christer, Diana, Åsa, Lennart, Stefan, Helena, Pia, Lotti, Ursula, Nina – wie war das gleich noch mal??   

Auf der leeren Bühne der Reithalle, der kleinen Spielstätte, dienen durchsichtige Vorhänge als Raumteiler oder als Projektionsflächen für bunte Lichter und Videos. Auf Bürostühlen rollen die Spieler umher, sie geben alles: eine Lolita, die mit Schmollmund nicht nur ihre blonden Haarsträhnen um den Finger wickelt, der coole Ober-Chabo, der bei Erwachsenen kaum ein Wort rauskriegt, der schmächtige Außenseiter, die versoffene Mutter, der selbstverliebte Trainer-Schönling, der schöngeistige Musiklehrer. Und alle zeigen, was sie drauf haben. Die Mütter und Schülerinnen gackern hysterisch, die Väter, Lehrer, Vorgesetzte toben – von leisen Tönen, von Leid, Scham, Schuld, Verzweiflung kaum eine Spur. Statt die Spieler ruhig durch die Psychen ihrer vielen Figuren zu lotsen, treibt die Regisseurin sie ständig in schrille Tonlagen. Das nutzt sich rasch ab.

Theater, wie man es leider zu oft sieht: Karikaturen, Klamauk, Klischees. Manchmal wünschte man sich, die Bühne hätte das souveräne Selbstbewusstsein des Films. Dort scheut man sich weder vor psychologischer Analyse noch vor realistischem Ton, vor Differenzierung. Es wäre ja schon ein Anfang, müssten Schulmädchen auf der Bühne kein Kaugummi mehr kauen, Sozialpädagoginnen keine Wollröcke tragen und Lehrerinnen keine dicken Brillen.

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