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Posthumane Zustände

Eleanor Bauer: New Joy

Premiere:  (UA)   Theater: Schauspielhaus Bochum
Regie: Eleanor Bauer   Foto: Birgit Hupfeld   
Fotos auf der Homepage des Theaters
Von Sarah Heppekausen am 24.02.2019

Irgendwann bewegen sich die Körper, als würden sie sich gerade erst kennenlernen. Da werden Arme und Beine ausgestreckt und in den Raum geworfen, um herauszufinden, was mit ihnen möglich ist. Mitten in einer fast fließenden Drehung bricht die Bewegung ab, setzt neu an, andere Richtung. Neugierige Körper sind das, die da ihr Selbst erfahren und in der Umgebung ausloten. Mechanisierte Kontaktaufnahmen menschlicher Materien. Oder ist das Menschsein längst überwunden?

Eleanor Bauer und Chris Peck experimentieren motiviert und munter mit posthumanen Zuständen. Die Choreographin und der Komponist haben mit „New Joy“ zu einem „Cyber-Acapella-Konzert-Happening mit Gesamtkunstthings“ in die Bochumer Kammerspiele eingeladen. Sechs Darstellerinnen und Darsteller formen sich verbal, tonal, physisch einen möglichen Weg durch eine chaotisch-verworrene Welt, in der vielmehr Daten als Dialoge ausgetauscht werden. Da gibt es keine Geschichte, die erzählt wird. Da wird keine Handlung vorangetrieben. Bauer und Peck lassen zusammenhanglos Zustände durchspielen, machen Sinneslücken wie fehlgeleitete Datenströme hörbar.

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Auf der Bühne von Karel Burssens und Jeroen Verrecht (888888) und Sofie Durnez liegen, stehen, hängen kurios-futuristische Objekte herum. Knautschige Störfaktoren, an denen sich die Performerinnen und Performer aber auch anlehnen und anschmiegen, als würden sie ihnen Halt bieten können. In einer rührend-ironischen Szene gibt es eine regelrechte Orgie zwischen Menschen und Objekten. Da wickeln sie sich in ihnen ein, wälzen sich mit ihnen herum, verkleben miteinander, während William Bartley Cooper in überzeugender 80er-Jahre-Musiker-Manier von Wahrheit (oder so?) sing-säuselt.

Es sind Computerklänge, Musical-Songs, Disco, Schallplatten-Gescratche, Kanon-Gesänge und Choreinlagen, die in „New Joy“ zum Soundtrack dieser undurchsichtigen, aber liebevoll-verschrobenen Fiktionswelt werden. Auch Stimme und Sprache werden zum Klangmaterial, wenn Silben surrend herausgequetscht oder Beats performt werden. Mit den schrillen Kostümen (Sofie Durnez) zwischen Oversized-Shirts mit Fotomotiven und hautengem Ganzkörperanzug ergibt sich so ein krudes Gesamtkunstwerk, das jenseits von begrifflicher Sinnstiftung Erfahrungen arrangiert. Komposition nennen Bauer und Peck selbst ihre Methode, die sie schon in „Meyoucycle“ (2017 bei der Ruhrtriennale unter Johan Simons) anwendeten.

Da fallen Satzfetzen wie „Wir können Atome anordnen, wie wir wollen“, „Vertraue klaren Gedanken nicht“ oder „New Joydianer nehmen ihre Mode sehr ernst“ – aber das sind und bleiben nur Bruchstücke eines fragmentierten Datenaustauschs. Wer sich dem rauschhaften Wort- und Soundgeplänkel eher im affektivem Erleben als mit logischem Verständnis hingibt, ist besser bedient. Dann fasziniert dieses künstlerische Gefrickel (im positivsten Sinne) durch darstellerische Hingabe, durch ironische Lässigkeit bei aller Konsequenz und durch dadaistische Absurdität, die Welt erkunden lässt.

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