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Pas de deux mit Smartphone

Raimondo Rebeck: #zauberflöte3.0

Premiere:  (UA)   Theater: Theater Rüsselsheim
Foto: Bettina Stöß  
Von Vanessa Renner am 14.10.2019

In Leuchtschrift – weiß auf dunklem Hintergrund – beginnt der Abend mit den Schlagworten: „privat = öffentlich“, „Verstand und Emotion“, „Segen und Fluch“. Eine These? Mehr ein Versprechen, das eingelöst werden will. „#zauberflöte 3.0“ lautet der Titel der neuen Produktion des NRW Juniorballett. Gegründet vor fünf Jahren von Xin Peng Wang, zu Hause in Dortmund, nun mit der Inszenierung und Choreographie von Raimondo Rebeck zu Gast am Theater Rüsselsheim.

Die Konfrontation von digitaler und analoger Welt ist längst angekommen in der Kunst. Spielt doch der Körper, die Körperlichkeit gerade in der darstellenden Kunst eine so zentrale Rolle. Und so rieseln auch in Rüsselsheim unaufhörlich Nullen und Einsen auf einer Projektionsfläche am hinteren Bühnenrand auf den Boden herab. Allerlei Programmiercodes zucken und flackern da über die Leinwand. Die Tänzer tragen Smartphones mit sich. Sie verschmelzen mit ihnen in ihren Bewegungen so sehr, dass sie sich untereinander gar nicht bemerken. Eine Tänzerin rempelt die andere an, die nächste posiert für ein Selfie, dazwischen hektisches Tippen. Das Handy wird so zum Partner im Pas de deux. Kontrastiert wird diese Welt aus Nullen und Einsen mit einem Zauberwald, ebenfalls auf Leinwand projiziert (Video: Marion Simon). Baumwipfel, deren Äste und Blätter sich langsam im Wind bewegen. 

Mitten im Spannungsbogen zwischen diesen beiden Welten wird die Geschichte der „#zauberflöte 3.0“ erzählt. Sarastro, der Herrscher über Bits und Bytes, trifft auf die Ur-Mutter der analogen Welt, sehr elegant in glitzerndem Dunkelblau gekleidet: die Königin der Nacht. Tamino begegnet einem analogen Aussteiger und irgendwie ganz und gar schrägen Vogel im bunten Blumenrock. Wunderbar getanzt wird diese erste zögerliche Annährung der so verschiedenen Charaktere von Duccio Tariello als Tamino und Márcio Barros Mota als Papageno. 

Mozart trifft auf Bobby McFerrin (verantwortlich für die musikalischen Arrangements sind Matthias Grimminger und Henning Hagedorn), Papageno schwingt die Hüften zu „Dont Worry Be Happy“, Technobeats pulsieren zu buntem Discolicht. Scheinbar mühelos bewegen sich die Tänzer hin und her zwischen den verschiedenen Welten und Stilen. Tänzerisch anmutig, elegant, filigran, allen voran Martina Renaus Königin der Nacht, dann wieder leichtfüßig und humorvoll. Wunderbar komisch ist zuweilen Márcio Barros Motas Papageno, um dann im nächsten Moment mit seiner großen Sprunggewaltigkeit und Präsenz die Bühne auszufüllen. Diese Ausdrucksstärke zeichnet das gesamte Ensemble aus. Mehr als dass sie die Figuren tanzen, geben die Tänzer ihnen ihren ganz eigenen Charakter. Bedrohlich und gebieterisch treten Sarastro (Maxim Palamarchuck) und Monostatos (Leonardo Cheng) auf, wenn sie schließlich in einer fulminanten Verfolgungsjagd in Science-Fiction-Manier durch virtuelle und reale Welten Pamina zurückzuerobern versuchen.

„#zauberflöte 3.0“ wartet mit einigen kreativen Inszenierungsideen auf. Gelungen ist etwa die Verbindung der verschiedenen Welten und Musikstile über den Kopfhörer Papagenos, der zugleich Innen- und Außensicht der Figur miteinander verknüpft. Schön auch der Einfall, die doch ganz realen Tänzer aus Rahmen, die an Displays von Smartphones erinnern, die Bühne (Bühnenbild: Emine Güner) betreten zu lassen, als würden sie doch nur der virtuellen Welt entspringen. So verschwimmen die Eindeutigkeiten. Die vermeintlich klaren Sinnzuschreibungen von Ausdruck und Bedeutung lösen sich auf. In genau diesen Momenten liegt die Stärke der Choreographie. 

An anderer Stelle geraten Stilmittel leider allzu plakativ, werden Botschaften überbetont wie die Hasspostings auf Paminas Profil in den Sozialen Netzwerken oder die Flöte, die schließlich ins Spiel gebracht wird. Es sind jene Stellen, an denen die Inszenierung die Zauberflötenstory eins zu eins in den 3.0er-Plot zu übertragen versucht. Das ist schade. Denn sind es doch gerade die Andeutungen, die Uneindeutigkeiten und Schwebezustände, die den Raum öffnen für Gedanken und Assoziationen, die Stimmungen vermitteln und nicht zuletzt den Tanz an sich genießen lassen. Und dazu bietet die überzeugende Ensembleleistung an diesem Abend in Rüsselsheim so einiges. Dabei löst die Choreographie die Gegensätze und Ausschließlichkeiten der leuchtenden Schlagworte (vielleicht ganz bewusst) nicht auf und damit das Versprechen vom Beginn nicht ein. Aber das muss sie auch nicht.  

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