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Offenbachs Wiedergeburt

Jacques Offenbach: Die Prinzessin von Trapezunt

Premiere: Theater: Theater für Niedersachsen
Regie: Max Hopp  Musikalische Leitung: Adam Benzwi   Foto: Jochen Quast 
Von Andreas Berger am 04.03.2019

„Ihr Vergnügen – unsere Pflicht“ verkündet der Conférencier in Max-Raabe-Diktion mit seinem Kussmündchen. Und das hat das Offenbach-Team am Theater für Niedersachsen in Hildesheim sehr ernst genommen. Zum 200. Geburtstag des Köln-Pariser Operetten-Zaren Jacques Offenbach gibt es „Die Prinzessin von Trapezunt“, die Wiederbelebung seiner einst erfolgreichsten Operette aus dem Geiste der Berliner Komischen Oper.

Regie führte mit Max Hopp einer der Protagonisten von Barrie Koskys Berliner Operettenwunder. Der inszeniert zum ersten Mal, aber er hat sich Unterstützung aus Berlin mitgebracht: Adam Benzwi hat in Berlin „Cabaret“ und „Ball im Savoy“ arrangiert, und er sitzt auch im (halb aufgefahrenen) Hildesheimer Orchestergraben am Klavier und leitet sein auf Soloinstrumente umgelegtes Arrangement der Offenbach-Musik.
Das kann sich wie zur Ouvertüre schon nach vollem Orchester anhören, Offenbach braucht Schmiss und Klang, den gibt das kleine Hildesheimer Haus locker auch bei kleiner Instrumentalbesetzung her. Benzwi dünnt aber den Klang auch manchmal aus, bis hin zur (seltenen) bloßen Klavierbegleitung. Das macht die Arien zu Couplets, was der Textverständlichkeit des exzellent artikulierenden Ensembles zugute kommt.

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So ist die Opéra Bouffe bei ihm nicht mehr satirisch-absurde Schwester der Grand-Opéra, deren heroische Themen Offenbach etwa in „Orpheus in der Unterwelt“ und  der „Schönen Helena“ auf die Schippe nimmt. Sondern sie wird eine Komödie mit Musik und schnellen Texten. Der hohe Opernton ist weg, dafür wird auf Melodie artikuliert, dass es eine Freude ist. Manch echte Oper, allen voran des Wortdramatikers Wagner, könnte so auch wieder verständlicher werden.

Allerdings nutzen Hopp und Benzwi die neue gewonnene Verständlichkeit nicht, um dem eher albernen Geschehen neue Brisanz zu geben. Das Vergnügen aus dem Eingangsmotto könnte doch auch ein paar aufrüttelnde Gedanken tragen. Vordergründig geht es um eine fahrende Artistentruppe, die per Losglück ein Schloss erbt, sich dort aber mopst und vom Nachbarfürsten Kasimir geschnitten wird. Uwe  Tobias Hieronimi spielt ihn trefflich als raubeinigen Reaktionär, der die Künstlernachbarn „Exiltouristen“ schimpft.
Sohn Raphael hat natürlich längst mit der Artistentochter Zanetta angebandelt, die er schon auf dem Jahrmarkt gesehen hat, als sie die defekte Wachspuppe der „Prinzessin von Trapezunt“ ersetzt hatte. Julian Rohde singt trotz Erkältung mit tenoralem Timbre, Meike Hartmann mit rundem Sopran.

Ein Rendezvous im Wachsfigurenkabinett führt noch andere Paare zusammen. Artistin Paola (von Katharina Schutza ungarisch gefärbt) mit dem Prinzenerzieher (Dieter Wahlbuhl eher preußisch), aber auch Artistin Regina (von Neele Kramer mit sattem Mezzo klasse  ausgespielt) und den Kammerdiener (der prima Entertainer Jan-Philipp Rekeszus). Da kann der wunderbar bramarbasierende Artistenchef (Levente György) nur staunen. Und der Fürst, der ihnen den Spaß verderben will, wird  in einem analytischen Kurzexposé des Prinzen der Gefühlskälte aus Triebverdrängung geziehen, habe er es doch einst selbst so locker getrieben. Fürst in Tränen, Emotionsstau gelöst, Happy End.

Hopp nutzt sämtliche Theaterformen, um hier Abwechslung zu schaffen. Von ausklappbarer Jahrmarktsbühne über Puppentheater bis zur dreiköpfigen Dienerpuppe, die von nur einem gesprochen und gespielt wird. Drin steckt der Conférencier (prägnant: Paul Hentze), der auch allzu Langatmiges zusammenfasst. Natürlich gibt es zudem manche Hand an verbotenen Stellen, aber das bleibt eher so auf dem Niveau von Herrenwitzschlüpfrigkeit (Gewehr zwischen den Beinen, bücken vorm anderen), erotisch pikant geht anders.

Insofern kommt die mögliche Sinngebung als Beitrag zur sexuellen Emanzipation nicht recht in Schwung. Und der Umbaupausenfüller einer Offenbach-Puppe, die über das Schiller-Motto im Stadttheatersims philosophiert, wirkt schwerfällig. Raffinierter wäre doch gewesen, die Menschenwürde hier im direkten Operettenspiel zu verteidigen. Die Dreikopffigur als „siamesische Arschficker“ zu apostrophieren, ist da ein eher schlechter Scherz, der außerhalb der genderbunten Komischen Oper keineswegs kumpelhaft zu verstehen ist.

Etwas mehr auch kabarettistischer Biss hätte der entschlackten, musikalisch pointierten Offenbachiade gutgetan, gerade weil man jedes Wort versteht.

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