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Neue (Nürnberger) Männerbilder?

Vera Mohrs, Manuel Schmitt: Alpha - Ein Abend über Männlichkeit mit Liedern von Frauen

Premiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Nürnberg
Regie: Manuel Schmitt  Musikalische Leitung: Vera Mohrs   Foto: Konrad Fersterer   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Dieter Stoll am 23.11.2019

Der auflagenstärkste Experte für die Aufforderung zur Expertise, die diesem montierten Hit- und Herren-Abend aus Erfahrungswerten von und mit Singles (man beachte sogleich die doppelte Bedeutung des Begriffs) als Konzept zugrunde liegt, bleibt ausgeschlossen: „Wann ist ein Mann ein Mann?“, fragte er einst herausfordernd von Bühnen und Plattentellern, aber da er selber einer ist, kann er beim aktuellen Nürnberger Auftrieb der Leitmännchen kein Gutachter sein. Sie sollen gefälligst singen, was Frauen über sie zu Papier brachten. Und, ehrlich gesagt, den Macho als Ego-Mahnmal zum Anheulen gab es hier sowieso längst, damals als Franz Wittenbrink seine große Zeit der Ohrwurm-Dramatik hatte und nach der Frauen-Power der „Sekretärinnen“ (100 ausverkaufte Vorstellungen) eine breitbeinige Sing-Attacke mit dem Titel „Männer“ (50 Vorstellungen) montierte. So direkt geht es 2019 nicht zu, da liegt eindeutig eine ganze Marthaler-Epoche dazwischen, dessen poetische Feinmechanik zur heimlichen Patenschaft gebeten ist. Zwar nimmt es Vera Mohrs, die musikalisch treibende Kraft des Staatstheater-Projekts „Alpha“, mit der im Untertitel proklamierten Fixierung auf Frauen als Liedermacherinnen beim Thema „Männlichkeit“ nicht so sklavisch genau und reiht sich selbst klebebärtig in unübersehbarer Conchita-Wurstigkeit in die sechsköpfige Männerrunde (jeder ein Gewinn: Frank Damerius, Nicolas Frederic Djuren, Michael Hochstrasser, Amadeus Köhli, Yascha Finn Nolting, Cem Lukas Yeginer) ein, aber die gewollten Brüche dabei sind beachtlich. Das Vorspiel mit der lieber geflüsterten als plakatierten Ina-Deter-Hymne „Neue Männer braucht das Land“ von 1982 ist die Tonlage, die der Abend bevorzugt. Meistens jedenfalls.

Zuschauer männlichen Geschlechts, und nur sie, hatten in den Kammerspielen schon schriftliche Vorarbeit geleistet, wenn sich auf der Show-Bühne – Ausstatterin Prisca Baumann ergänzte das gekachelte Musikpodest mit handlichen Kulissenteilen, die je nach Drehung Revuetreppe, Hausbar oder Urinal sein können – die erste Stimme erhebt. Ein Zehn-Punkte-Fragebogen zum sofortigen Ankreuzen wurde ihnen in die Hand gedrückt, nicht ohne die bedrohliche Auskunft, dass das Ergebnis noch während der Vorstellung bekannt gemacht werde. Anonym, versteht sich, das soll ja nicht in Mutproben ausarten. Zunächst mal ist dieses Fragespiel mit seinen Kreuz-und-quer-Antworten aber das dramaturgische Geländer der Vorstellung, Gedankenstütze auf dem Weg zwischen 16 mehr oder weniger populären Songs vom Wühltisch der Erinnerungen. Judith Holofernes mit „Der letzte Optimist“ von 2017 ist dabei der jüngste Prototyp, Annette Humpe und Kate Bush samt der reingemogelten Jung-Madonna (nur Interpretin, nicht Komponistin oder Autorin) aus den frühen Achtzigern stehen für die Basiswerte. Allesamt neu und erfreulich eigenwillig arrangiert von Bandleaderin Vera Mohrs, die ihre umwerfenden Sponti-Musikanten zwischen großem Schlagzeug, jaulender E-Gitarre, Kita-Glockenspiel und Blockflöte mit lockerer Hand durch den Sound-Dschungel geleitet.

Es ist ein vergnüglicher Abend, zweifellos, komödiantisch wie musikalisch erstklassiges Handwerk. Dass er an den eigenen Ambitionen, die fragwürdige Tradition der sogenannten Männlichkeit durch installierte Skepsis zwischen denkenden Frauen und deren Klugheit doch bloß interpretierenden Männern zu durchbrechen, scheitern muss, stört das Publikum erkennbar überhaupt nicht. Sortieren wir halt die Klischees, als ob es altes Spielzeug wäre! Das Autoren-Duo Vera Mohrs/Manuel Schmitt und Dramaturgin Christina Zintl als Dritte im Bunde vertrauen der Eigendynamik der Auslese-Songs nur unter Vorbehalten, sie füllen die Zwischenräume mit gesicherten Zitatenschätzchen und Bekenntnissen. Da prallen Trump und Theweleit im flüchtig hingeworfenen Satz wortklaubend aufeinander, man verweist auf „Faschisten wie Björn Höcke“ samt seinem Wehrhaftigkeits-Wahn und auch Nobel-Handke bekommt mit dem eigenen Selbsterhöhungs-Zitat verdientermaßen eins übergebraten. So weit, so korrekt. Aber was ist das gegen die Fragen, wer denn nun wem nach dem neuesten Stand der #MeToo-Debatte auf den Hintern schauen darf, ob Frauen in der Autowerkstatt für den Umgang mit Schrauben geeignet sind und inwieweit der Schlager „17 Jahr, blondes Haar“ zwangsläufig zum Staatsanwalt führen muss. Da ist das ganze Ensemble in ständiger Bewegung zwischen Popkonzert und Frontalunterricht.

Wie ein Befreiungsschlag wirkt da die wunderbare Szene (Marthaler-Güteklasse sozusagen), wenn nach einem schwungvollen Song-Auftritt von Nicolas Frederic Djuren in den rauschenden Beifall hinein dessen übergriffige Mutter auftritt und dem Publikum peinliche Anekdoten aus dem Leben des verhaltensauffälligen Sohnes erzählt, der ja nun endlich doch noch etwas geworden sei. Wie Djuren die Gesichtszüge in Serie entgleisen, während Cem Lukas Yuginer als fleischgewordenes Matriarchat in unbremsbarem Dampfwalzen-Drang und ungesungener, deshalb hier nur vermuteter „Die Mutter ist immer dabei“-Erkennungsmelodie die Männerehre plättet, das ist den halben Abend wert.

Am Ende kommt, womöglich ein reitender Bote, jemand mit der Auswertung der Fragebögen an die Bühnenrampe und reicht das Papier hoch. In jeder Vorstellung, so die Theorie, könnte so ein neues (Nürnberger?) Männerbild entstehen. Wirklich? Bei der Premiere ließen 51,4 Prozent wissen, sie möchten gerne mal „über Männer sprechen“, und es kreuzten 59,5 Prozent an, dass sie „für ihre Kinder da sein wollen“. Ein Mann machte sein Häkchen an der Stelle, wo ihm persönlich „mehr Gefühl“ in Aussicht gestellt wurde. Sollte Vera Mohrs ihre „Alpha“-Revue nach diesen schmeichelhaften Erkenntnissen noch etwas ausarbeiten wollen, empfiehlt sich für die Zugabe das schöne Lied „Die Männer sind alle Verbrecher“, das es in einer satisfaktionsfähigen Fassung von zwei Frauen gibt. Es endet mit den Worten: „Aber lieb sind sie doch!“

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