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Nachtigallen beißen nicht

Veit Güssow: Die Nachtigall des Zaren

Premiere: Theater: Oper Halle
Regie: Veit Güssow  Musikalische Leitung: Katrin Wittrisch   Foto: Anna Kolata 
Von Joachim Lange am 25.11.2017

Nachtigall, ick hör dir trapsen…. sagt der Berliner. Nachtigall ich hör dich singen, könnten die Fans von Filippo Balatri ausgerufen haben. Natürlich jeweils in Italienisch, Deutsch, Russisch, Französisch oder Englisch. Der Zeitgenosse Georg Friedrich Händels war ein Kastraten-Star, der ganz schön rum kam. Mit allen persönlichen Schattenseiten dieses langen Lebens zwischen 1682 und 1756. Immer im Glanz der öffentlichen Bewunderung. Zwar nicht mit ganz so viel (Nach-)Ruhm  wie Farinelli oder Senesino. Aber mit Dienstherren, die sich sehen lassen können: dem Toscana-Großherzog Cosimo III. de  Medici und vor allem für ein paar Jahre dem russischen Zaren Peter dem Große. Ganz zu schweigen vom kunstliebenden damaligen Bayernherrscher Kurfürst Max Emanuel. Seine Jahre in Russland, samt Ausflug zum Großkhan der Kalmücken jenseits der Wolga, sind seine glücklichsten und für uns heute die interessantesten. Er sang in Lyon (nicht so erfolgreich), in Paris, in London, lebte jahrelang (und gut) in München. War klug und gebildet genug, wurde auch alt genug, um neben seinen akribischen Tagebüchern auch noch ausführliche Memoiren und allerlei anderes zu schreiben. 

Christine Wunnicke hat daraus eine 2001 als Buch erschienene Lebensbeschreibung gemacht. In der Oper in Halle kam jetzt eine Version mit Musik auf die Bühne. Eine „inszenierte Lesung mit Arien der Barockzeit“ wird versprochen und genau das lösen Regisseur Veit Güssow und Robert Joseph Bartl mit ihrer Textfassung auch ein. Zur bildenden Erbauung und zum puren Vergnügen des Publikums. Als Schauspieler leiht Bartl darüber hinaus seinen Habitus, vor allem aber seinen gewinnend süddeutsch gefärbten Tonfall mal einem imaginären Erzähler, mal dem fleißigen Tagebuch- und Memoiren-Schreiber Balatri selbst. Dessen gestochene Handschrift darf man in Einblendungen auf der Projektionswand neben den auf der Bühne platzierten Musikern bewundern. In dem unaufdringlichen, sagen wir mal mobilen Arrangement gönnt sich Ausstatter Stefan Oppenländer neben knappem Mobiliar, ein paar Perücken und kurzzeitig übergezogenen Barock-Kostümen nur einen etwas aufwendigeren Coup: Es ist ein stilisierter Käfig, in dem die singende menschliche Nachtigall tatsächlich für eine Arie über die Bühne schwebt. 

Sonst bleiben sie auf dem Boden der überlieferten und höchst genüsslich ausgebreiteten Lebensstationen. Und mit dem imaginären Finger auf der Landkarte von Händels  Europa. In dem Reisen das pure Abenteuer war und – so die Wahrnehmung des jungen Filippo – Paris noch so meilenweit vom späteren Metropolenimage entfernt, dass London es damals mühelos ausstechen konnte.  

Die Lebenstragik tausender Knaben, die der Stimme und einer damit möglichen Karriere wegen brutal kastriert wurden, wird nicht verschwiegen. Aber durch Balatris Bemerkung, dass er in gewisser Beziehung nur bellen, aber nicht beißen könne, diskret auf Abstand gehalten. Was hätten die Kastratenstars von damals wohl zum Boom der Countertenöre in unseren Tagen gesagt? Einer von ihnen ist Leandro Marziotte. Der junge Südamerikaner, den die Hallenser schon in der „Jephta“-Produktion zu den letzten Händefestspielen gefeiert haben, wirft sich mit seiner Stimme voll Verve, Wohlklang und Kraft und mit charismatischer Empathie für seinen „Helden“ in Positur. Gemeinsam mit den Virtuosen des Händelfestspielorchesters Dietlind von Poblozki (Violine), Elke Biedermann (Violine), Michael Clauss (Viola), Anne Well (Violoncello), Ralf Griese (Kontrabass) und Thomas Ernert (Oboe), die Katrin Wittrisch einstudiert hat und vom Cembalo aus leitet, und dem Knabensopran Tae-Young Hyun (der auch schon im „Jephta“ mit seiner Engelsstimme glänzte), sorgen sie für den musikalischen Hochgenuss mit fünf Stücken von Händel, einem russischen Volkslied im italienischen Stil und je einer Nummer von Antonio Vivaldi, Jean-Baptiste Lully und Pietro Torri. 

Das Konzept geht auf: man ist nach den pausenlosen 90 im Nu vergangenen Minuten berührt. Und klüger. Damit hat die Oper ein Wohlfühl-Schmankerl für Barock-Fans, das nicht nur in jedes künftige Händelfestspiel-Programm passt.  

  

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