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Musik von gestern für Leute von heute

Marius Felix Lange: Vom Mädchen, das nicht schlafen wollte

Premiere:  (UA)   Theater: Deutsche Oper am Rhein
Regie: Johannes Schmid  Musikalische Leitung: Lukas Beikircher   Foto: Hans Jörg Michel   
Diashow auf der Homepage der Deutschen Oper am Rhein
Von Andreas Falentin am 14.02.2014

Dieses „Mädchen“ ist kein übler Beginn für die Jungen Opern Rhein-Ruhr, ein Kooperationsprojekt der Theater Bonn und Dortmund mit der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf/Duisburg, das es durch Austausch der Aufführungen weiterhin ermöglichen soll, im Kinder-und Jugendbereich Kompositionsaufträge zu geben. Die Bilder und Kostüme von Tatjana Ivschina sind schön anzusehen, bieten den einen oder anderen originellen Effekt und bleiben stets theatralisch. Das "Mädchen, das nicht schlafen wollte", heißt Lena; und es ist der Anblick eines toten Vogels, der die Kleine aus der Bahn wirft. Irregleitet durch eine halbgare poetische Entschuldigung ihres Freundes Leander, der den Vogel aus Versehen mit einem Stein erlegt hat, glaubt Lena, nicht mehr einschlafen zu dürfen, weil sie dann sterben müsse. Dies ist der Ausgangspunkt einer ungewöhnlichen Geschichte, in der ein Schützenverein, eine Waldprinzessin, ein sinistrer Totengräber und der Mond als Beobachter und Lenas zugewandter Vertrauter die Hauptrollen spielen.

Das Libretto des renommierten Kinderbuchautors Martin Baltscheit zeigt Leander als typisierten, nur wenig sensibel aufgehellten „Jungen“ und baut Lena geschickt zur Identifikationsfigur auf, die sogar „bescheuert“, „beschissen“ und „Wow!“ singen darf. Stärken hat das Libretto im Umgang mit dem für Kinder nicht eben leicht aufzubereitenden Thema Tod, das in ungewöhnlicher Weise mal als echte Bedrohung gezeigt, mal fatalistisch aufgefasst, mal in symbolischer Überhöhung auf schmalem Grad zwischen Pathos und Ironie präsentiert wird. Hier hat auch die Inszenierung von Johannes Schmid ihre Stärken, die durch ihren narrativen Atem beeindruckt. Probleme gibt es dort, wo die phantasievolle Handlung die Lebenswirklichkeit streift; „Arbeit“ lässt sich nicht durch mähliches Hin- und Herschichten von Brettern szenisch vergewärtigen und die Schützenblaskapelle bleibt zu freundlich-indifferent, um mit ihr etwa Kleinstadt-Spießertum aufs Korn nehmen zu können – was das Libretto eigentlich verlangt.

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Für diese Stellen hat auch Marius Felix Lange keine Lösungen anzubieten. Seine verzerrte Blasmusik klingt in ihrer herben Verdrehtheit sogar angenehmer und vor allem leichter zu ertragen als „echte“ Schützenfestmusik. Lange setzt, wie viele aktuelle Komponisten im Musiktheaterbereich, an der Nahtstelle zwischen Spätestromantik und Moderne an. Das „Mädchen“ ist wirkungssicher und atmosphärisch stark, mit viel Theaterinstinkt instrumentiert – und mit schönen Verbindungen zur Volksmusik. Lange versteht es, für Gesangsstimmen zu schreiben, traut sich auch hier und da eine wirklichen Melodielinie zu, am schönsten im kurzen Duett zwischen Lena und dem Mond. Was fehlt, ist das Neue, die Verbindung ins Heute. Die Komposition bleibt ganz im nachromantischen Klangraum, sucht kaum Verbindungen zur heutigen Musik, weder zu U noch zu E. Und manchmal, wenn die Sänger nicht zu verstehen sind, was im jungen Publikum umgehend Unruhe schafft, kann man sich über die klebrig lauten, der Klangsuppe des späten Richard Strauss wie abgelauschten Mittelstimmen auch mal ärgern.

Dennoch ist dem Stück zu wünschen, dass es hier und da nachgespielt wird, ruhig auch mal aus gesellschaftskritischer Sicht, und dass es immer ein so musikalisches, enthusiastisches und gut vorbereitetes Sängerensemble haben möge wie jetzt in Duisburg. Denn das junge Publikum war hin und weg und bestätigte mit heftigstem Schlussapplaus, -gebuhe und -gebrüll eine alte Theaterweisheit: Prinzessinnen sind beliebter als Totengräber.

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