Image

Moritat auf Kirchenbänken

Benjamin Britten: Peter Grimes

Premiere: Theater: Oper Köln
Regie: Frederic Wake-Walker  Musikalische Leitung: Nicholas Collon   Foto: Bernd Uhlig 
Von Andreas Falentin am 26.11.2018

„Peter Grimes“, fast unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs in London uraufgeführt, war Benjamin Brittens erster Erfolg als Opernkomponist und blieb sein größter. Die Geschichte um einen Außenseiter, der in der Sozialgemeinschaft – hier: ein Fischerdorf – kein Bein an den Boden bekommt, ist ein ungewöhnliches Opernsujet, vergleichbar vielleicht einzig Bergs ungleich erbarmungsloserem „Wozzeck“. Und hat sich vielleicht gerade deshalb, und natürlich wegen der großartigen Musik, zumindest am Rand des Standardrepertoires etabliert.

Nun genießen ja gerade Ausgrenzungsmethoden und -mechanismen eine große gesellschaftliche Aktualität. Der junge englische Regisseur Frederic Wake-Walker verortet das Stück zwar nach eigener Aussage „im Hier und Jetzt“, scheint damit aber keine konkrete gesellschaftliche Wirklichkeit zu meinen, sondern in erster Linie die Vermeidung von historischen Bezügen. Anna Jones hat den Saal 1 des Staatenhauses in das Innere einer maroden Kirche verwandelt. Kirchenbänke werden hin- und hergetragen und sollen Schauplätze andeuten, was im ersten Bild des ersten und im letzten Bild des dritten Aktes zu statischen Sitzordnungen führt, in denen Brittens Vielstimmigkeit, sein Kaleidoskop aus kleinen Bemerkungen und Begegnungen sich nur höchst unvollkommen entfalten kann. Auf der anderen Seite erzählt Wake-Walker sehr detailgenau. Wer was zu wem warum sagt in diesem Dorf haben wir selten so genau erfahren. Durch dieses sorgfältige Modellieren der Handlungsoberfläche gerät allerdings die Dorfbevölkerung in die Nähe einer Freak-Show, zu einem Haufen galliger, nöliger und träger Typen. Man mag sich nur ungern mit ihnen befassen.

So gelingt der Inszenierung kein großer Bogen, zumal sich Wake-Walker jeder Deutung oder zumindest Zuspitzung verweigert. Im Programmheft stellt er sogar explizit das „unmittelbare Erleben“ über „gedankliche Analysen“. Und so plätschert der Abend dahin, quasi halb-konzertant mit wenigen einprägsamen Bildern wie für die Schautafeln eines Moritatensängers: Die Puffärmel und Melonen der Kirchenbesucher, der arg gemächlich sich formierende Fackelzug, die munter aufspielende, knallig ausgeleuchtete Jazz-Band im dritten Akt. Schließlich der Schluss: Der Kirchenboden öffnet sich, blaue Kacheln lassen Wasser ahnen, Ellen, die geliebte Lehrerin und Balstrode, der zugeneigte Ex-Kapitän treten herzu. Sie tragen weiße Masken wie das komplette Ensemble und der Chor. Balstrode hängt Peter – wortlos, sein Text ist gestrichen – ein Gewicht um den Hals und dieser marschiert ergeben ins Nasse. Schlusschor.

Dass sich kein Drama im engeren Sinne ereignet, liegt vielleicht auch ein wenig am Titeldarsteller Marco Jentzsch. Der zeigt sich der Aufgabe musikalisch durchaus gewachsen. Allerdings fehlt es ihm ein wenig an raumgreifender Ausstrahlung. Sein berühmtes Arioso im ersten Akt („Now the Great Bear and Pleiades...“) etwa hüllt er in ein Gespinst feiner Phrasierungen, erreicht das Publikum aber damit nicht. Im Großen und Ganzen wird erfreulich gesungen. Der Chor zeigt sich nach etwas zittrigem Tutti-Klang zu Beginn des ersten Aktes gut vorbereitet, homogen und sehr engagiert. In den vielen kleinen und mittleren Rollen hat die Kölner Oper aus Mitgliedern des Hauses und britischen Fachspezialisten ein das Stück tragendes Ensemble zusammengestellt. Herausragend die Mrs. Sedley von Rebecca de Pont Davies, die diese Rolle in den letzten 25 Jahren überall auf der Welt gesungen hat und dies, mit großartiger Ausstellung und intakter, mutwillig scharfkantiger Stimme nun auch in Köln tut. Ivana Rusko, darstellerisch zurückhaltend, ist eine warm und dunkel tönende, vielleicht ein wenig zu selten glühende Ellen Orford, Robert Bork ein souverän auftrumpfender, die Szene wie selbstverständlich dominierender Balstrode.

Bleibt der Grund, warum man diese Aufführung besuchen sollte: Nicholas Collon, der erste Gastdirigent des Gürzenich-Orchesters führt seinen Klangkörper zu einer tatsächlich einzigartigen Wiedergabe. Die virtuosen, impressionistischen Tupfer von Flöte und Klarinette, die dramatischen Ballungen, die wenigen Momente melancholischer Romantik-Sehnsucht werden intensiv ausgefeilt, verdecken aber nie den großen Bogen, den Fluch und Segen des Kreislaufs von Leben, weiter leben und Tod. Hier stimmt das Verhältnis von Mikro- und Makrostrukturen exakt, klingt Brittens Partitur hochmodern und bleibt doch dramatisch wirksam. Jedes der vier berühmten instrumentalen „Sea Interludes“ wird zum Miniaturweltdrama und der Klang bleibt bei aller Dynamik stets schlank, bläht sich nie auf, fasert nie aus, behauptet sich als fast nach innen gerichtetes, störrisches Bekenntnis zur Mitmenschlichkeit. Ach, wenn das auch zu sehen gewesen wäre!

Weitere Kritiken

Im Narrenhaus
Im Narrenhaus

Aus Sicht von uns Nachgeborenen ist Antonio Salieri eindeutig ein Pechvogel. Generationen…

Antonio Salieri: La Scuola de' Gelosi
Oper Köln
Premiere: 31.03.2019
Chaos der Psyche
Chaos der Psyche

„Überschreibungen“ nennt die Deutsche Oper Berlin ihre Off-Theaterreihe, die in ihrer…

Malte Giesen: Wolfsschlucht
Deutsche Oper Berlin
Premiere: 14.09.2019 (UA)
Die Revolution als Diorama
Die Revolution als Diorama

Manchmal, wenn ein Theater sich mutig mit einem zeitgenössischen Werk auseinandersetzt…

Luigi Nono: Al gran sole carico d’amore
Theater Basel
Premiere: 14.09.2019