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Mit Tempo 100 durch den Abgrund

Tomasz Kajdanski nach Nikolai Gogol: Der Revisor – Eine Stadt steht Kopf

Premiere:  (UA)   Theater: Anhaltisches Theater Dessau
Komponist: Alfred Schnittke/Gundolf Nandico/Billy May   Foto: Claudia Heysel 
Von Vesna Mlakar am 22.04.2014

Etwas ist faul an Sachsen-Anhalts (Spar-)Kulturpolitik. Was, das kann man in den Zeitungen nachlesen. Die Bewohner aus Gogols weltvergessener Provinzstadt dagegen vergnügen sich in einem Sumpf aus Veruntreuung, Schieberei und Amoral. Die Kellnerinnen lassen ihre Kurven kreisen, die beiden Gutsbesitzer (Thomas Ambrosini/Sokol Bida) protzen mit großen Sprüngen, bevor sie sich auf die Frauen stürzen. Schon vor den Toren der Stadt streifen, getrieben von korrupten Machenschaften, dunkle Gestalten mit Hut und Koffer durch den nebeligen Birkenwald. Plakative Vergleiche allerdings will Choreograf Tomasz Kajdanski in seinem neuen Tanztheaterstück nicht ziehen. Lieber nutzt er die gesellschaftssatirische Verwechslungskomödie aus dem Jahr 1836 dazu, in einem unglaublichen Spieltempo die erstaunliche Typenvielfalt und Qualität seines kleinen Ensembles herauszustellen. Angesichts der drohenden Auslöschung der Sparte ein wahrlich vergnügliches Wunder!

Darauf angesprochen, verrät Kajdanskis Blick aufgewühlte Verständnislosigkeit. Die Stadt liebt ihr Theater, doch dem Land ist das wurscht. Herausgeputzt geben sich die sechs neu eröffneten Seniorenheime – wozu noch Kultur? Die letzten fünf Jahre hat er Dessau-Roßlau als Ballettchef neun gänzlich unterschiedliche Uraufführungen beschert und sein (derzeit noch) 12-köpfiges Ensemble ist dabei von Stück zu Stück sichtlich mitgewachsen. Sogar Schüler merken, dass es etwas anderes ist, diesen Interpreten live zuzusehen, statt ewig vor der Glotze zu hocken. Full house war denn auch die Bilanz für Kajdanskis „Cinderella“.

Damit konnte die Premiere seiner schmissigen Adaption von Nikolai Gogols „Der Revisor“ am 19. April 2014 – ausgerechnet Karsamstag! – im Anhaltischen Theater leider nicht punkten. Dafür mit einer Riege Männer, von denen Kajdanski zum Ende der Spielzeit gleich drei ans Leipziger Ballett verliert: Dessau als Sprungbrett für junge Talente – Glück für Mario Schröder und die Jungs Jonathan Augerau (pseudo-korrekt-nervöser Kreisrichter), Joshua Swain (schmierig-unterwürfiger Chefarzt) und Enea Bakiu (überdreht-quirliger Postmeister). Für den erfahrenen Ballettchef entspricht dieser Erfolg einem Desaster, denn keine der Stellen darf nachbesetzt werden. So startet Kajdanski mit nur mehr acht Tänzern in die neue Saison!

Nach dem kurzen Vorspiel gehen seine „Revisor“-Darsteller – musikalisch mit einer Collage aus Film- und Ballettmusiken (u.a. „Gogol-Suite“ bzw. „Skizzen“) von Alfred Schnittke und Einschüben von Gundolf Nandico aufs Beste untermalt – gleich in medias res. Juan Pablo Lastras-Sanchez, eine der zentralen Persönlichkeiten der Kompanie seit 2009, verkörpert rasant die Rolle des Bürgermeisters, an dessen Seite Frau (rothaarig-schrill: Anna-Maria Tasarz) und Tochter (verwöhnt-naiv: Charline Debons) wie zwei ungleiche Schmuckstücke glänzen. Als der vermeintliche Revisor in ihrem Haus Herberge bezieht, werfen beide sich dem eleganten Betrüger an den Hals. Eine choreografische Paradesequenz für das Trio, mit allerlei Anspielungen u.a. auf das klassische Formenvokabular. Die groteske Wohnzimmercharade endet in der Verlobung des liebesblinden Töchterchens mit dem Fremden. Dieser (distinguiert-verdorben: Joe Monaghan at his best) aber bekennt sich trotz aller ihm von den Hauptprotagonisten in ausgefeilten Soli zugesteckter Geldscheine nur dem Publikum.

Für die passende szenische Atmosphäre zeichnet wieder Ausstatter Dorin Gal verantwortlich. Um ganze Häuserfronten, ein Vergnügungslokal oder die gut-bürgerliche Stube zu suggerieren, genügen ihm wenige Stühle, ein rotes Sofa, ein Lüster und mobile transparente Wände. Iwan Chlestakow lässt er erst mal in einem umgedrehten Tisch nächtigen. Da spielt Joe Monaghan noch den angstgejagten Pleitegeier, der seine Zeche nicht zahlen kann. Mit dem zugesteckten Reichtum sucht er bald das Weite. Und auch Kajdanski macht nach 75 Minuten kurzen Prozess mit der korrumpierten Gemeinde. Ein Lichtflackern später steht da – zweifelsohne ein Symbol! – ein kleiner Mann (Kajdanskis Sohn Piotr) an einen riesigen Stift gelehnt. Ein Bild zum Politikererweichen… Kämen sie denn mal, um live den Unterschied zwischen Kunst und Hopserei zu erkennen.

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