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Miniaturen eines trüben Alltags

Simon Stephens: Maria

Premiere:  (UA)   Theater: Thalia Theater
Regie: Sebastian Nübling   Foto: Krafft Angerer   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Michael Laages am 20.01.2019

Mit gutem Grund gab Autor Simon Stephens seiner Heldin den Namen Maria – wie in einer Art verspäteter Weihnachtsgeschichte wird Maria demnächst gebären; weil sie aber keinen Joseph hat, der sie begleiten und die Schmerzen mit ihr teilen könnte, wenigstens ein ganz kleines bisschen, rennt sie hin und her durch die große Stadt und sucht nach Begleitung. Aber niemand hat Zeit für sie: nicht der Papa, keine Kollegin, keine Freundin, nicht mal die geliebte Oma… Letztlich wird dann eben doch nur der Arzt dabei sein. Die Rolle der Krippe übernimmt auf der Bühne ein ausgewachsener Lastwagen, Ochs und Esel sind die Trucker, die die Amazon-Pakete durch die Welt kutschieren. Evi Bauers Bühne verschafft Marias Passionsgeschichte mit grandiosem Effekt das soziale und gesellschaftliche Fundament. Und gleich zu Beginn wechselt der Arzt einen Reifen während der Behandlung. Das ist Marias Welt: der seelenlose, mörderische Turbo-Kapitalismus der Gegenwart. Alles ist Ware und jederzeit zu haben – nur menschliche Nähe nicht mehr.

Ein Lastwagen hat übrigens Marias Mutter totgefahren; dieser Baustein in der Stephens-Fabel mag die Initialzündung für das starke Bild in Sebastian Nüblings Inszenierung gegeben haben. Und Brummi wird zur Wunderkiste; weil er ununterbrochen rotiert auf der Drehbühne, können auf der jeweils publikumsabgewandten Seite hinter den Planen des Gefährts gebrauchte Requisiten weggeräumt und neue hinzugefügt werden. Auf der Laderampe wie im Führerhäuschen gibt’s zudem auch Raum für Intimes. So erhält das Mosaik aus Szenen ein wirklich hohes Tempo, und Maria bleibt immer unterwegs – im Fitnesscenter, wo die Hochschwangere zunächst noch einen regulären Billigst-Job als Reinigungskraft hat, oder im Supermarkt am anderen Ende der Stadt, wo Papa an einer von acht Kassen arbeitet und sein vorgesetzter Sklaventreiber die Sekunden von Papas Rauchpause wie im Countdown runterzählt. Den verschwundenen eigenen Bruder sucht Maria auch, und sie findet ihn später, als das Kind schon da ist – das Wiedersehen bringt aber auch keine echte Beruhigung ins haltlose Leben. Einem jungen Seemann, der dem späteren Bruder sehr ähnlich sieht, würde das Mädchen vielleicht ganz gerne folgen; aber auch das hat keine Zukunft. Und Oma stirbt am Schluss – am Tag darauf wird Maria 19.

All das mag stark nach der Geschichte einer neuen verlorenen Generation am Rand der Gesellschaft klingen. Die Theatersprache von Simon Stephens jedoch ist ganz anders. Als „Meister der Gegenwartserkundung“ charakterisiert ihn die Dramaturgin Julia Lochte im Programmheft; und in der Tat blinken und blitzen Philosophie und Visionen, Träume und Alpträume immer nur für Augenblicke auf im Strom der Wörter. Maria redet quasi ohne Punkt und Komma, ist auch sprachlich immer in Bewegung – und als das Kind da und der Fitnessjob beendet ist, kreiert sie eine Art medialen Nachbarschaftsservice: quatscht per Videoverbindung im Internet und gegen Minutenhonorar mit jedem und jeder. Um Telefonsex geht’s hier nicht, nur um jene Nähe, die abhandenkommt, je weiter die grenzenlos globalisierte Welt gerade wird. Mit einer durchaus bedrohlichen Monstermaske redet sie da mit weinenden Frauen ganz weit weg und mit einem Alten in Australien, Ex-Polizist und voller Sehnsucht nach ein bisschen sanfter Zärtlichkeit, etwa beim Haarewaschen.

Auch diese Miniaturen auf Videobildschirmen machen Eindruck; aber spätestens ab hier, also bevor der Bruder wiederkehrt und Oma stirbt, verliert das Stück als Ganzes deutlich an Zusammenhalt. Es hat ja außer Marias ewiger Suche ohnehin keinen starken dramatischen Kern und bleibt an der trüben Oberfläche der Welt, wie sie ist. Sebastian Nüblings Inszenierung fokussiert bis dahin geschickt und schnell die kostbaren Miniaturen vor dem kreisenden Truck; und im Finale bricht die fast schon tote Oma noch aus zur Ehrenrunde als „sterbender Schwan“, die die Macht des Geschichtenerzählens beschwört. Überhaupt: diese Oma! Barbara Nüsse, die Thalia-Doyenne, ist ein echtes Ereignis neben der unbändigen Lisa Hagmeister in der Titelpartie sowie Thomas Niehaus, Tim Porath, Sylvana Seddig und Jirka Zett in ungezählten weiteren Rollen. An Abenden wie diesen erweist sich auch die Kraft des Theaters: Einer Welt, der die Menschlichkeit verloren geht, stellt es echtes Leben gegenüber.

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