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Metaphysik der Logistik

Marc Sinan, Tobias Rausch, Konrad Kästner: Chaosmos

Premiere:  (UA)   Theater: Oper Wuppertal
Regie: Konrad Kästner  Musikalische Leitung: Johannes Pell, Marc Sinan   Foto: Jens Grossmann   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Regine Müller am 12.01.2020

Zu den Ritualen experimenteller Theaterprojekte gehört offenbar zwingend die massive Aufrüstung mit Moden unterworfenen dramaturgischen Formeln. „Immersiv“ oder „interaktiv“ etwa sind derzeit beliebte Label, aber nicht selten ist wenig oder keine echte Interaktion drin, wo „interaktiv“ draufsteht. Wie nun bei der Wuppertaler Pilot-Aufführung des als „Logistik-Oper“ bezeichneten Musiktheaters „Chaosmos“, das den Start der neuen Initiative „NOperas!“ des Fonds Experimentelles Musiktheater markiert, der für drei Spielzeiten die Opernhäuser Wuppertal, Halle und Bremen angeschlossen sind. Will sagen, die Wuppertaler Uraufführung von „Chaosmos“ wird – in jeweils modifizierter und weitergeführter Form – danach sowohl in Halle als auch in Bremen gezeigt werden. Was eine brillante Idee ist, weil damit das übliche Schicksal von experimentellen Uraufführungen vermieden oder zumindest vertagt wird, die sonst nach wenigen Aufführungen für immer von den Spielplänen verschwinden.

Damit die angekündigte Interaktion zumindest simuliert wird, begibt sich das Publikum zu „Chaosmos“ auf die Bühne und umrahmt in drei Blöcken mit unbequemen Plastikschalensitzen hautnah das szenische Geschehen, während an der Seite zum Zuschauerraum vor dem geschlossenen eisernen Vorhang das Instrumentalensemble ebenerdig und in einem ersten Stockwerk sitzt. Wenn man die Bühne betritt, bekommt man von einem Statisten im Blaumann mit kalkweißer Schminke eine Mappe in die Hand gedrückt, auf die eine Buchstaben-Zahlenkombination aufgeklebt ist. In der Mappe befinden sich die Noten fürs Orchester, und die Mappe muss nun von jedem eigenhändig in einem Regal ins richtige Fach einsortiert werden. Das war’s auch schon mit der „Interaktion“.

Die Reihenfolge der Mappen in jedem Fach soll dann später die Reihenfolge der musikalischen Material-Partikel ergeben, die laut Beipackzettel aus Originalkomposition (von Marc Sinan), traditionellem Repertoire und freier Improvisation bestehen. Das Ganze muss ohne Dirigenten funktionieren, im Programmheft ist von einer DJ-Software die Rede, die den Fortgang und Zusammenhang der Musikspur organisiert. Mag sein, dass wirklich an jedem Abend eine andere musikalische Reihenfolge, ja sogar jedesmal ein neues Stück entsteht. Tatsächlich scheint das unerheblich, weil die musikalischen Versatzstücke, das Material so kleinteilig fragmentiert klingen, dass jede Neukombination allenfalls eine geringe Varianz ergeben dürfte, aber kaum neue Wendungen bereithalten kann. Und felsenfest dürfte stehen, dass am Ende gut erkennbares Material aus Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ erklingt und den ja durch seinen Titel „Chaosmos“ der Planlosigkeit verpflichteten Abend in schon bald altväterlicher Weise befriedet.

Was aber wird szenisch erzählt? Es gibt eine Rahmenhandlung, die in einem Logistikzentrum spielt: Dort hantieren zwei Schauspielerinnen (Rike Schuberty und Annemie Twardawa) als Joe und Jay mithilfe von Gabelstapler und Barcode-Scanner mit Kartons, die unablässig über Paketrutschen auf die Bühne purzeln in einer Endlosschleife zwischen Aufsammeln, Sortieren, Scannen, Ins-Regal-Packen. Die eine ordnet, die andere bringt durcheinander. Auf der Videowand hinter dem Orchester sind sinnfällige Texte zum Wahnsinn des Online-Versandhandels zu lesen wie etwa: „Dein Wille wird kommissioniert und hinterlässt eine Pheromon-Spur durch das Weltenlager.“ Bald schon kommt aber das System der geregelten Lager-Abläufe aus dem Takt, die Kartons türmen sich, das Woher und Wohin gerät ins Trudeln und Jay und Joe fragen aufgeregt nach dem Verbleib des „Zentralplans“.

In diese Rahmenhandlung sind drei Exkurse eingeflochten. Der erste erzählt von Carl von Linné, der als Erfinder der binären Systematik der Natur gilt und mit zwanghafter Besessenheit versuchte, in dem „binären Saustall“ der Welt Ordnung zu schaffen. Es folgen Betrachtungen zur Vermessung der Welt in der Kolonialzeit, als Portugal und Deutschland eine gemeinsame Grenze hatten, und dass die heutigen Grenzverläufe auf dem afrikanischen Kontinent bis heute der kolonialen Logik und Ordnungssucht entsprechen und die Wurzel ethnischer Konflikte sind.

Der letzte Exkurs schließlich thematisiert den Zusammenhang, der zwischen dem Vietnamkrieg und der Erfindung der Container-Logistik besteht: 1967 bot der amerikanische Transport-Unternehmer Malcolm McLean dem US-Militär an, das Nachschub-Chaos im Hafen von Da Nang zu beseitigen, schickte erstmals ein Schiff mit Seecontainern über den Pazifik und nahm auf der Rückfahrt Waren aus Japan an Bord auf den Weg in die USA. Das war die Geburtsstunde der Epoche der Globalisierung und der globalen Containerlogistik. Was einmal mehr die alte Wahrheit unterstreicht, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist. All das spielt sich mehr oder weniger ausschließlich auf der Videowand ab, die Szene auf der Bühne steht dazu überwiegend still, abgesehen davon, dass die vier Sängerinnen und Sänger (Wendy Krikken, Iris Marie Sojer, Adam Temple-Smith und Timothy Edlin), auf der Bühne jeweils in einer Ecke positioniert und in starrer Pose am Notenpult verharrend, ihre psalmodierenden Phrasen singen.

Es gibt viel erhellende und originelle Momente an diesem Abend, der aber streckenweise auch durchhängt in der Spannung. Straffungen könnten in den kommenden Versionen angebracht sein. Großer Applaus des Insiderpublikums für alle Beteiligten.

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