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Medea, abwesend

Luigi Cherubini: Médée

Premiere: Theater: Salzburger Festspiele
Regie: Simon Stone  Musikalische Leitung: Thomas Hengelbrock   Foto: Thomas Aurin 
Von Detlef Brandenburg am 11.08.2019

In Opernführern fangen die Artikel über Cherubinis Oper „Médée“ meist mit einem Absatz zur „Vorgeschichte“ an. Damit beginnt auch Simon Stones Inszenierung im Großen Festspielhaus zu Salzburg. Nur führt der während der Ouvertüre eingespielte Schwarz-Weiß-Film nicht hinab in Tiefen der griechischen Mythen, sondern mitten hinein in die Gegenwart eines Schickeria-Pärchens mit Haus am See im noblen Salzburger Umland, in eine gutsituierte Viersamkeit mit zwei Kindern, heiler Welt, Luxus und Liebe. Doch dann entschuldigt der Gatte sich per SMS wegen seines Fehlens beim Konzert der Kinder; und als die Gattin unverhofft nochmal zum Hause zurückkehrt, weil einer der Kleinen die Violine vergessen hat, erwischt sie ihren Mann im Bett mit einer anderen. Schock, Streit, Scheidung – und weil die Betrogene eine ziemlich toughe Lady ist, die das neue Glück mit einer furiosen Intervention stört, wird sie des Landes verwiesen. Ihr Name ist übrigens Médée.

Und es ist auch per se gar nichts dagegen zu sagen, dass Simon Stone den antiken Mythos um die Kinder mordende und auch sonst nicht zimperliche Königstochter aus Kolchis auf ein Ehedrama in den Kreisen der Salzburger Schickeria projiziert. Die filmisch gepushte Überformung alter Dramentexte ist ja ein Markenzeichen dieses vom Schauspiel kommenden Regisseurs, der hier seine dritte Opernarbeit vorlegt. Nur wirft das natürlich Fragen auf – zum Beispiel nach einer aktuellen Motivation für Médées blutrünstige Radikalität. Das Irritierende an dieser Inszenierung, für die der Bühnenbildner Bob Cousins und die Kostümbildnerin Mel Page ein filmrealistisch schickes, aber leider sehr nichtssagendes Breitwandambiente geschaffen haben, ist aber, dass sie keine dieser Fragen beantwortet. Stattdessen schafft sie ein gravierendes dramaturgisches Problem. Denn Médée ist nach dem Landesverweis ziemlich lange abwesend, sie verfolgt die Handlung aus einem Internetcafé in ihrer fernen Heimat, die Dialoge werden per Telefon abgewickelt, manchmal ist sie auf dem Fernseher in Jasons See-Villa zu sehen.

Die hier gespielte französische Originalfassung dieses immer wieder überarbeiteten Werkes, das vor allem durch Maria Callas (in der italienischen Bearbeitung von Vito Frazzi und Tullio Serafin) bekannt wurde, folgt ja dem Modell der Opéra-comique. Anstelle der Zwischentexte, die in dieser Opernform die musikalischen Nummern dramatisch verbinden, hört man hier aber immer wieder Médées verzweifelte Anrufe, die die Kinder sehen will, die ihr Kommen ankündigt, die als Fremde am Flughafen aufgehalten wird. Erst da, wo man ihr die Kinder wieder zuführt (2. Akt, nach der Arie der Néris), taucht sie wieder leibhaftig in Salzburgs feiner Gesellschaft auf. Das ist natürlich in François-Benoît Hoffmanns Libretto völlig anders. Hier trifft sie bereits im 1. Akt am korinthischen Königshof ein und trägt alle Konflikte in unmittelbarer Interaktion mit Créon, Jason oder Néris aus. Und Cherubins Musik braucht diese Unmittelbarkeit. Sie ist Theatermusik par excellence, die ihre ganze Motivation aus dem dramatischen Aufeinandertreffen der Charaktere bezieht. Damit weiß Stone aber überhaupt nichts anzufangen. Seine ganze Inszenierung legt es geradezu systematisch darauf an, der Musik ihre dramaturgische Grundlage zu entziehen.

Ob das auch der Grund dafür ist, dass es Thomas Hengelbrock nicht gelingt, dieser Musik auf die Sprünge zu helfen? Er dirigiert straff, mit einer überpointierten Akzentuierung, die hier aber nur wie ein pauschaler Abglanz historischer Musikzierpraxis über dem Werk liegt. Es gibt keinen gemeinsamen Atem, keinen natürlichen Drive, ja, im Detail wirkt der Orchesterklang teils vernuschelt, es fehlt der Feinschliff. Immerhin hört man ganz gute Sänger – oder hört sie auch mal nicht, wenn das Orchester sie übertönt. Vor allem an Elena Stikhinas warm und klar timbrierter, in der Höhe lupenrein leuchtender Médée hat man viel Freude. Und auch Rosa Feolas schlanke, subtil geführte, manchmal leicht scharfe Dircé hört man gern. Pavel Černochs Jason dagegen klingt eng und teils belegt, der Wohlklang von Vitalij Kowaljows Créon bleibt pauschal. Dass die schöne Arie der Néris in Alisa Kolosovas Interpretation wirkungslos verpufft, liegt vermutlich auch daran, dass Simon Stones eigenwillige Dramaturgie sie zum Monolog umfunktioniert hat.

Und Stones Neuinterpretation der Titelheldin als einer Fremden, die in die feine Gesellschaft eingeheiratet hat – als Nobelgattin mit Migrationshintergrund sozusagen? Der Gedanke ist ja keineswegs neu. Aber er bleibt bei Stone ohne jede psychische oder soziale Entwicklung, allein schon aufgrund seiner durchschlagend unbeholfenen Personenführung. Die Vermischung von privatem Ehedrama und politischem Migrationsmotiv kommt über die bloße Kolportage nie hinaus, die am Ende im Klischee landet:  Nach dem Messermord an Dircé und Créon flieht Médée mit dem Auto zu einer einsamen Tankstelle, wo sie mit dem gezückten Tankstutzen eine ganze Volksmasse samt Feuerwehr und Polizei in Schach hält und schließlich sich selbst, die Kinder und das Auto abfackelt. Da hat sich Simon Stone dann endgültig in vordergründiger Effekthascherei verzettelt. Und das Publikum applaudiert begeistert.

 

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