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Manche mögens (noch) heiß(er)

Jean-Philippe Rameau: Platée

Premiere: Theater: Staatsoper Stuttgart
Regie: Calixto Bieito  Musikalische Leitung: Christian Curnyn   Foto: A.T.Schaefer 
Von Joachim Lange am 03.07.2012

Am Ende jubelte das Stuttgarter Opernpublikum, als wäre es auf dem Musicaltripp. Die Zeiten, in denen Calixto Bieito als Bühnenbrutalo vom Dienst die geschockten Bürger aus dem Saal trieb oder am Ende wenigstens ein Kontingent von Buhs einstrich, die sind wohl vorbei. Man hat den Katalanen aber auch noch nie so witzig erlebt, wie jetzt mit Jean-Philippe Rameaus mittlerweile fast schon populärer Nymphenoper „Platée“.

Dass Barock rockt, ist längst Allgemeingut. Dass Barock auch poppt war bei Bieito zu erwarten. Da gab es dann einen echten Busenalptraum als Bacchus und einen falschen, schlaff hängenden Riesenpimmel für den balzenden Jupiter, Kondome zum Aufblasen für die auf Schabernack versessenen Spielmacher, Antatschen bei jeder Gelegenheit und Rumknutschen vor allem zwischen Mercure (Cyril Auvity) und Cithéron (André Morsch). Alle in Anna Eiermanns frivolem Kostümmix aus dekadentem Barock und nicht weniger dekadentem 70er Jahre Nachtklub-Look. Alles auf der grandiosen schwarzen Hochglanzbühne mit Rückwand-Spiegel von Susanne Gschwender. Dort sehen die Zuschauer sich zunächst selbst als Bild in der Ferne. Der Dirigent rafft sich erst vom Lotterbett auf der Bühne auf, als die Musiker des Staatsorchesters im Graben schon längst so verblüffend auf den Pfaden Rameaus wandeln, als täten sie nichts anderes, drängelt sich durch die erste Reihe, wirft seinen Assistenten raus und übernimmt das Zepter, sprich den Stab für einen lustvollen Parforceritt durch eine Partitur, bei dem auch kein noch so ausuferndes Divertissement Langeweile aufkommen lässt. Kongenial ist die intelligente Opulenz, wenn der weiß verzärtelte Gott Jupiter (Andreas Wolf) mit einem ganzen olympischen Lampenladen einschwebt, und so tut, als wäre er auf Platée scharf. Was er natürlich nicht ist. Er will ja doch nur seiner notorisch eifersüchtigen Juno (Sophie Marielly im hautengen langen Roten) eins auswischen. Meist verbreitet aber ein Glühbirnenfirmament seinen poetischen Charme über der Szene so üppig wie Bieito ein Füllhorn von hinreißenden Detail-Einfällen ausschüttet und Lydia Steiers Chorographie das gesamte Personal mit handfestem Spielwitz von der Versailler Hofbühne in einen angenommenen Musical-Palast versetzt. Vor allem dieses ganze Drum und Dran zündet unmittelbar, weil es die abgeklärte anything goes Mentalität von heute mit der Frivolität des französischen Adels kurz schließt für dessen (Hochzeits-)Unterhaltung Rameau diese Ballett-Oper 1745 komponiert hat.

Dass Thomas Walker sich hochsouverän durch diverse Hilfsmittel vor aller Augen selbst als Frau ausstaffiert, ohne auch nur ein anatomisches Detail auszulassen (bei Bieito geht es nicht ohne nackte Tatsachen oder zumindest den Griff dorthin), und dann hochhackig Bein zeigt und als eleganter, selbstbewusster Transvestit Platée dem Ulk aller anderen Paroli bietet, ist allerdings auch die eine offene Flanke der Inszenierung. Wenn Juno kurz vor dem Ja-Wort bei der Pseudohochzeit ihres Mannes wie geplant aufkreuzt, den Braut-Schleier (hier die Damenhaarperücke) weg zieht und die Hässlichkeit (hier das eigentliche männliche Geschlecht) enthüllt wird, ist Jupiter in diesem Fall vom Verdacht des Fremdgehens freigesprochen und Juno für den Moment von ihrer Eifersucht kuriert. Die Lacher gehen auf Kosten Platées. Eigentlich entlarvt sich aber die Gesellschaft, die hier ihr Spiel mit dem Transvestiten getrieben hat. Bei Bieito bringt diese Enthüllung aber nicht die mögliche Fallhöhe, sondern höchstens ein Stolpern. Der Verzicht auf den drastischen Wechsel vom Komischen zum Tragischen ist Bieitos Preis, den er für seine große Show zahlt. Die bietet beim Warten auf den Eklat als Schmankerl den koloraturgespickten und stilparodierenden Auftritt der Torheit, La Folie. Daraus macht Ana Durlovski macht daraus die grandiose Parodie einer heruntergekommenen Rockröhre, die sich kaum auf den Beinen halten kann, ihre E-Gitarre (auch mal kurz hörbar) als Waffe einsetzt und dann doch mit abgedrehtem Höhenzauber fasziniert und dem exzellenten, spielfreudigen Ensemble die vokale Krone aufsetzt. Imponierend ist auch das Staatsopernorchester bei dem eine Dosis barocker Nachhilfe und ein so inspirierender Dirigent wie der barockversierte Brite Christian Curnyn genügten, um sich auf die Höhen eines konkurrenzfähigen Barocksounds mit französischem Esprit aufzuschwingen.

Bei der einzigen hausfremden Inszenierung der ersten Spielzeit unter Jossi Wieler überraschte allenfalls Calixto Bieito mit seiner witzig frivolen Eleganz. Ihre musikalische und szenische Qualität - vom Ensemble über den spielfreudigen Chor bis zum Orchester - fügt sich bruchlos ein und trägt dazu bei, dass Stuttgart wieder zum interessantesten Opernhaus Deutschlands geworden ist.

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