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Man kann Musik sehen

James Sutherland: Quartett

Premiere: Theater: Theater Pforzheim
Musikalische Leitung: Tobias Leppert   Foto: Sabine Haymann 
Von Eckehard Uhlig am 28.01.2013

In Pforzheim stehen die Ballettsaaltüren zum Foyer des avantgardistischen Tanzes weit offen. Charakteristikum des „Quartett“ betitelten neuen Tanzstückes von James Sutherland, das am Stadttheater eine bejubelte Premiere feierte, ist eine erdverbundene Bodenhaftung: Die erfindungs-reichen, oft faszinierenden Bewegungssequenzen nehmen ihren Ausgang in breitbeiniger Standfes-tigkeit der Tänzer(innen). Geschmeidiges Geschlängel durchpulst die Körper, das öfters von blitz-artig einsetzender, automatenhaft-eckiger Bewegungssprache abgelöst wird. Überraschende Rich-tungsänderungen des Bewegungsflusses und scheinbar schrilles Ensemble-Chaos sind typisch. In guter Folkwang-Tradition wird viel „mit den Armen getanzt“. Füße bohren sich nach artistisch aufgeladenen Körper-Windungen geradezu trotzig stampfend in den Boden hinein. Es geht aber um mehr als einen Aufbruch in die amerikanische Barfußmoderne auf flachen Sohlen. Noch die ab-strakteste Schrittfolge, die geheimnisvollste Geste, die spielerischste Haltung verleugnet nicht, dass es sich um individuelle Menschen mit Emotionen handelt und die Tänzer(innen) nicht ohne Grund ihre Glieder verbiegen.

„Quartett“ zeigt in vier Abschnitten, wie sich die Wahrnehmung zwischenmenschlicher Beziehun-gen perspektivisch differenziert abbildet: als eitel-narzisstische Selbstbespiegelung, als Täuschung im menschlichen Gegenüber, als aggressives Abwehrverhalten, als Annäherung und Partnersuche, die vielleicht in Verliebtheit gipfelt – also das sich wiederholende uralte Spiel. Zu den Pluspunkten der Inszenierung zählt ihr Gelingen auf der Grundlage einer klassisch-modernen Musik-Collage mit Kompositionen von Arvo Pärt, Krzysztof Penderecki, Wojciech Kilar, Gustav Mahler und Samuel Barber, die teils am Klavier (Liliana Turicianu), teils von Streichern der Badischen Philharmonie (unter Leitung von Tobias Leppert) nahezu makellos umgesetzt werden. Auch die Bühnenausstat-tung (Verena Hemmerlein und Ana Tasic) spielt mit: Schwarze und blumig zarte Kostüme setzen auf sinnliche Körperlichkeit, Raumelemente, beispielsweise der an einer Ecke aufgehängte, wie eine Diskokugel kreiselnde Würfel, sorgen zusammen mit Beleuchtungseffekten und Videoprojek-tionen (Markus Arnold) für vielfache Brechungen des Tanzgeschehens.

Mitreißend, wie sich in kreisrunden oder quadratisch ausgelegten Spotlights getanzte Soli auf der Blackbox-Bühne in temperamentvolle Ensembles auflösen, wie sich Paare in großer Leidenschaft finden oder verstört wieder entzweien. Zu den Höhepunkten zählt der Pas de quarte mit Nozomi Matsuoka, Risa Yamamoto, Toshitaka Nakamura und Sho Takayama zu Mahlers „Piano-Quartett“. Anrührend der abschließende Paartanz zu Barbers „Adagio for Strings“, in dem sich Tänzer (Nakamura) und Tänzerin (Yamamoto) ganz sanft im Gleichschritt aneinander schmiegen. So erfüllt sich das Anliegen anspruchsvoller Tanzkunst mit der weitgehend neu formierten, sehr ausgewogen und kompakt auftretenden Pforzheimer Tanz-Compagnie aufs Schönste: Man kann die Musik sehen und die Choreographie hören.

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