Eine tänzerische Explosion
Immer wieder setzt in Erstaunen, wie unterschiedlich die Tänzerinnen und Tänzer Chaplins Positionen mit identischem motorischen Ablauf, synchronen Blickrichtungen, parallelen Haltungen der Spazierstöcke imitieren und mit ihrer eigenen Körpersprache modellieren. Aus den Tramp-Szenen schälen sich Überraschungsmomente heraus – nicht nur, weil Dumais ihre Tänzer:innen ermutigt, das Vorgegebene mit den physisch-persönlichen Mitteln zu erfüllen und zu verdichten. Auf Bistrotischen ergibt sich aus auf Gabeln gespießten Kartoffeln ein Marsch wie von Beinen ohne Rumpf und Kopf. Wer aus der Tanzcompagnie darauf blickt, ist jeweils anders – belustigt, liebevoll, ironisch, gelangweilt. Weil sich jede Person ihren eigenen Stimmungsbarometer-Parcours durch Chaplins Welt bauen kann, erweitert sich der atmosphärische Widerhall der Tanzszenen vielstimmig und filigran. Vor dem furiosen Ende auf George Enescus Rumänische Rhapsodie Nr. 1 op.111 ereignet sich Auszehrung der ganz besonderen Art: Zur gesprochenen Abschlussrede aus „Der große Diktator“, Chaplins enthusiastischen Bekenntnis zur Demokratie, entfesseln Dumais und das Ensemble eine tänzerische und doch physisch gestraffte Explosion. Zur poetischen Insel gerät ein Chaplin-Engel mit großen Watteflügeln im Schneetreiben. In dieser Szene wird Dumais‘ Gestaltungsprinzip – das Kalkulieren und Spielen mit Dehnungen von Bewegung, Temposteigerung und Innehalten – besonders deutlich.
Livemusik – kongenial ausgewählt
Bei einem derart subtilen Umgang gegen motorische Zeit-Erstarrung steigert Livemusik das Potenzial einer Tanzproduktion immens. Weil sich die Tanzcompagnie Chaplins choreografisches Tramp-ABC in langen Improvisationsperioden aneignete, wäre das strenge tonale Rhythmisieren zu den Bewegungen eine ästhetische Vergewaltigung. GMD Enrico Calesso befeuerte die Produktion nicht nur durch kongeniale Vorschläge für die Musikauswahl. Um vier Originalkompositionen Chaplins entfaltete sich eine überraschungsreiche Musikfolge nicht nur aus Chaplins Zeit, sondern vor allem mit Spiegelungen von Chaplins künstlerischer Haltung. Das vom Elegiker Chaplin bewunderte Largo aus dem dritten Beethoven-Klavierkonzert weitete sich zu Film-affinen Trouvaillen. Es erklang Frühmodernes von Ravel, geniale Universalisten wie Nino Rota. Die Dehnung der Musik ins tonale 21. Jahrhundert bis Aleksandra Vrebalov und Gabriel Olafs lassen „Chaplin!“ etwas aus der Zeit fallen, was durch die geschliffene Kühle des Orchesters bei dessen gleichzeitiger Reaktionssensibilität beeindruckt. Bei aller Reiz- und Klangverliebtheit bleibt ein Rest-Abstand zwischen dem Vorbild Chaplin, den meisterhaften Chaplin-Doubles auf der Bühne und dem klaren Nostalgie-Rahmen, den die Produktion durch die zum Einsatz kommenden technischen Mittel erhält. Vielleicht sollte man nicht zu viel darüber nachdenken. Denn ein Mittel von Verzauberung ist, dass deren Mittel nicht erkennbar sind. Genau das ist Dominique Dumais, der Würzburger Tanzcompagnie und dem Orchester gelungen: Magie aus nüchternen und – weil mutig reduziert – äußerst wirksamen Bildern. Starker Applaus.