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Männer, Frauen und andere Engel

Jiří Kylián, Marco Goecke, Goyo Montero : Kylián / Goecke / Montero

Premiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Nürnberg
Komponist: Owen Belton   Foto: Jesùs Vallinas   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Dieter Stoll am 14.04.2019

Wenn gefallene Engel plötzlich wieder schweben, lärmende Männer um ihren wankenden Standpunkt ringen oder springen und im Namen einer Punk-Göttin die Welt aus der Haut fährt, muss entweder Apokalypse sein; oder Tanztheater. Letzteres ist eindeutig das bessere Angebot, wie das Nürnberger Staatstheaterballett mit einer Premiere beweist, die immerhin dreißig Jahre der jüngeren Choreographie-Historie umfasst: Goyo Montero, der ambitionierte Spartenchef des Hauses, hat die jährliche Kombination von je zwei innovativen Stücken aus dem Repertoire herausragender zeitgenössischer Kollegen mit jeweils einer eigenen Uraufführung als akute Tanz-Trilogie zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht. Das ist in Nürnberg bereits Tradition geworden; oft wirkt es wie ein stilistischer Rundblick, manchmal wird der Zufall zur lockeren Dramaturgie-Patenschaft gezwungen, bereichernd ist es allemal. Jetzt, da in der titelgebenden Namensreihung „Kylián / Goecke / Montero“ die Adaptionen der 1989  und 2015 beim Nederlands Dans Theater uraufgeführten Stücke „Falling Angels“ und „Thin Skin“ mit der neuen Nürnberger Kreation „M“ von 2019 verbunden sind, ergibt sich deutlich mehr, nämlich ein konturenscharfes Tableau zur Gender-Debatte. Frauen, Männer und andere Wesen – das ist mitnichten gehupft wie gesprungen.

Zu Kyliáns schon in vielen Schwestern- und Brüderschaften erprobten, in seiner unverwechselbaren Ausdrucksweise bei aller Tiefgründigkeit immer auch ironisch blinkernden „Falling Angels“, dem magisch angefixten Frauen-Ballett der pantomimisch geknickten Flügel bei berauschendem Trommelrhythmus von Steve Reich, hat Montero als Uraufführungs-Maßarbeit den Kontrast einer um Bedeutungsstabilität ringenden Männer-Compagnie gegenüber gestellt. Der Titel „M“ öffnet die Szene für neun Herren, die sich mit aufpumpender Energie und unterminierenden Selbstzweifeln in impulsiv sprunghafter  Körpersprache durch die Blockade von Macho-Klischees arbeiten, wenn sie erst mal den Zugang zum schlichten Leben gefunden haben. Montero entwarf für den Einstieg der halbnackten Urgestalten eine notdürftig vergitterte Rutschbahn hinein in den Spielraum, die  der Stolz jeder Kita und doch gleichzeitig fahrlässiger Laufsteg für die Zirkusarena sein könnte. Beim halbwegs unschuldigen Tumult der kullernden Baby-Compagnie ist die Ahnung der fauchenden Raubtier-Pose nicht weit. Die kampflustigen Herren-Miniaturen umkreisen Angstschock und Autosuggestion, wenn sie, herangewachsen, das verordnete Rollenspiel bis zum durchtrainierten Höhepunkt latenter Kampfbereitschaft betreiben. Das bemühte Traumbild vom Boxer, der gegen alle Konventions-Regularien gern mal Ballerina wäre, darf träumerisch und traumatisch eingefädelt werden. Ein knutschendes Männerpaar wirkt in diesem Stück, das dem ausgepowerten Kräftemessen als Fanal entgegen strebt, allerdings nicht emanzipatorisch, eher wie ein kunstvoll drastisches Ausstellungsobjekt. Zu den elektronischen Reizkulissen des ständigen Komponisten-Begleiters Owen Belton schickt Montero seine Mannen auch auf den Parcours der Flötentöne von Jethro Tull, untergräbt Autorität mit Witz und lässt melancholisch den im faschistischen Spanien wegen seiner Homosexualität ermordeten Poeten Lorca mit musikalischem Unterbau feierlich rezitieren. Der Dritte im Bund, Marco Goecke mit  „Thin Skin“, war gegen die im Planungsstadium festgelegte Titelfolge an den Anfang des Abends gerutscht. Er belässt es in seiner fiebrigen, von hektisch zirkulierenden Handbewegungen getriebenen Choreographie bei den traditionell gemischten Geschlechterrollen, hat mit der Stimme von Punk-Überfliegerin Patti Smith und der Fake-Tattoo-Häutung seiner Figuren (die leider im Detail kaum erkennbar ist) den nur scheinbar auftrumpfenden, in Wirklichkeit geradezu wehmütig feinfühligen Entwurf. Menschen, die sich spüren wollen und dabei unwillkürlich Kuss und Würgegriff verbinden.

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Es sind anspruchsvolle, in Bewegung wie in Gedanken atemberaubend komplex differenzierte Körpersprachbilder, die den Allroundern der jüngsten Tänzergeneration zu deren uneingeschränkter Freude alles abverlangen. Die Nürnberger Compagnie stürzt sich ungefährdet in die erstaunlich oft miteinander kommunizierenden Herausforderungen, beherrscht aber jederzeit auch deren unterschiedliche Technik. Bei Altmeister Jiří Kylián sind die Frauen im Trommelschlag von Steve Reich, wie sie da in ihren asexuellen Badetrikots an der Weggabelung zwischen Turnvater Jahn und Schwimmkönigin Esther Williams zu neuen Zielen aufzubrechen scheinen, die Sogkräfte unbezwingbarer Dynamik bei gleichzeitig durchschimmernder Pathos-Distanz. Bei Jungmeister Marco Goecke steckt in der Hommage an Patti Smith, in der Verbeugung vor deren Größe, auch gleich ein Energiestoß, der den Tanzenden elektrisierend durch Hand und Fuß fährt. In dieser Rangfolge, als ob Pina Bausch nochmal kurz vorbeigeschaut hätte. Das gleitende Kommen und Gehen von solistischen Momenten bei aufflackernden Irrlichtern bestimmt Goerckes Aktion, doch Kylián lässt das Kollektiv nicht einen Augenblick lang aus dem Blickfeld und betont so die offensive Mitverantwortung. Bühnenbilder brauchen sie beide nicht, das Licht schafft Architektur genug.

Goyo Montero macht am meisten „Theater“, und das will er offenbar auch so. Während bei Kylián und Goecke nach den Häutungen der Figuren (hier das wiederholte Befreiungszupfen am schlecht sitzenden Badetrikot, dort die aufdringlich am Körper klebende Tattoo-Verheißung) die starken Bilder im Raum spurlos verlöschen, setzt Montero zum Finale mit der Verwandlung der angeblich so bodenständigen Männerwelt in den Schwebezustand schemenhafter Luftballons einen spektakulären Bilanz-Schlusspunkt, der sich nicht abschütteln lässt, obwohl oder weil er so nah an den Kitsch gebaut ist. Erkennbarer Wirkungstreffer beim jubelnden Premierenpublikum, das über der Illusion von schwebenden Tänzern die erwünschte Gender-Perspektive wohl erst mal vertagte.

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