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LIVE-GESPRÄCH: Jelinek als Kammerspiel

Elfried Jelinek: Die Schutzbefohlenen

Premiere: Theater: Theater Oberhausen
Regie: Peter Carp   Foto: Thomas Aurin 
Von Detlev Baur am 27.03.2015

Drei Kritiker der DEUTSCHEN BÜHNE tauschten sich während der Premiere über WhatsApp aus. Lesen Sie hier das Ergebnis der ersten offiziellen WhatsApp-Kritik:

-       Text, Lärm, Licht

-       Dunkel. Wind. Meeresgeräusche. Motoren. Ein Suchscheinwerfer

-       Sehr atmosphärisch. Erst mal keine Textflächen

-       Ja, Containerschiff-Atmosphäre

-       Aber zuerst technisch, nicht menschlich

-       Dunkle Gestalten. Theater noir

-       Mehr Lärm

-       Wasser? Fluglärm?

-       Wasser. Und war da nicht ne Möwe eben (Hafen)?

-       Vorne schimmert bürgerlicher Raum durch

-       Vier schwarz gewandete Sprecher

-       Schutzflehende sind also erstmal abwesend

-       Bürgerliche Diskussion über seltsame, fremde Wesen

-       Sehr gedämpft

-       Was machen wir mit ihnen?

-       Handy auch auf der Bühne

-       Sprechen über Video mit Geköpftem

-       Zynismus oder Moralpredigt? Schöne Gratwanderung bisher

-       Eine Gruppe (Bürgerliche), aber mit verschiedenen Perspektiven

-       Mich erreicht der Sprachwitz und -biss nicht

-       Wegen WhatsApp?

-       Der ältere Schauspieler (Hartmut Stanke) kann für mich bisher mit der Sprache am besten umgehen

-       Auch räumlich aufgebrochenes Kammerspiel

-       Das ist ein schöner Ansatz

-       Kaffeekränzchen

-       Tee

-       Das sind Leute wie wir. Erkenntnis ohne Folgen.

-       Und sind diese Sprecher Menschen wie wir?

-       Schon wie wir, ja.

-       Finde schon. Erste laute Schmunzler im Publikum

-       “Die Freiheit brauchen wir für die Freizeit” – das sitzt, wenn auch leise gesprochen

-       Wir sind also auch nicht frei?

-       …von Vorurteilen

-       Neue Geräusche

-       Eine Pause. Geräusche einer fernen Menschenmenge. Vielleicht nicht ganz so fern

-       Man neigt so dazu, nur Stichworte zu schreiben

-       Stimmt. Sie reden wieder. Eine Teegesellschaft? Wie bei Alice im Wunderland

-       Jelinek verbindet auch Stichworte

-       Und zeigt so die Entfremdung der Menschen voneinander

-       Grandioser Text über "die Fremden"

-       Ich hab den Eindruck, die Schauspieler haben sich warmgespielt

-       Sprache läuft besser

-       Ja

-       Und wieder Meereswellensound

-       Und klassische Harmonien

-       Kleiner Umbau

-       Operngesang

-       Opernhafte Großbürgergestaltem

-       Erinnert an Zeit nach dem Erstem Weltkrieg (Adel kann sich nicht mehr so abheben von der restlichen Gesellschaft)

-       Angst vor Bedeutungsverlust

-       Mehr Diskrepanz zwischen Optik und Inhalt geht kaum. Böse

-       Oh ja

-       Würde ich aber nicht psychologisch deuten

-       Geht halt um willkommene Fremde: Netrebko

-       Netrebko-Orgasmus. Solche Fremde wollen wir

-       AfD-mäßig: Gute Fremde – Schlechte Fremde

-       Da: Eindringlinge

-       Kakophonie als Chor

-       Mit kakophoner Toncollage und Kapuzenpullis

-       Bislang nur Statisten

-       Sie stehen jetzt aber da und sind nicht mehr wegzudenken – realer

-       Trotzdem eine Art unsichtbare Wand zwischen Eindringlingen und der bürgerlichen Gruppe

-       Die reden einfach weiter, als ob die Fremden nicht da wären

-       Der junge Mann ist ein schönes Arsch

-       Oder alle

-       Erste Berührung

-       Werden fortgeschickt

-       Abschiebung

-       Gehen stumm von der Bühne

-       Auch ein sehr österreichischer Text

-       Die Dimension und Textpartien der antiken Tragödie fehlt in dieser Inszenierung

-       Haben wir das schon festgehalten: Gruppe besetzt aus zwei meinungstarken Männern, zwei eher beschreibenden Frauen

-       Jazziger Übergang

-       Vier Kapuzenpullimämner um großen Leuchter

-       Wieder weg

-       Schauspieler back in black nach eher überflüssiger Umbaupause

-       In der Pause wären Fremde fast zu Wort gekommen. Fand ich gut

-       Jetzt hängt es ein bisschen. Wiederholungen

-       Aber jetzt finde ich es auch eher wiederholt

-       "Ich hab alles schon gesagt, aber ihr habt immer noch nichts gehört" – großartig, also die Sprache

-       Jetzt werden die Wiederholungen zum Thema. Geschickt

-       Eine stille Jelinek Aufführung

-       Manchmal zu moderat?

-       Bleiben auch wir (Publikum) in dieser Position, dass wir nur über die Schutzflehenden sprechen können (immer wieder), aber näher kommen sie nicht?

-       "Ihr habt ja nichts zu befürchten." Sie sind halt gar nicht da

-       Jetzt kommen sie nochmal – angespült

-       Und lesen biographische Texte über ihre Flucht in ihrer Heimatsprache vor

-       Licht im Publikum

-       Ein Schauspieler liest Übersetzung vor

-       Bittere Selbstanzeige der bürgerlichen Gesellschaft. Die Flüchtlinge haben das letzte Wort. Überzeugendes 80-minütiges Jelinek-Konzentrat. Unspektakulär, aber inhaltlich präzise.

-       Am überzeugendsten bleibt Jelineks Sprache, der Text

-       Moderater Beifall , Bravos kommen auf    

 

Hier der Link zu unserer Uraufführungskritik des Stücks: http://www.die-deutsche-buehne.de/Kritiken/Schauspiel/Elfriede+Jelinek+Die+Schutzbefohlenen/Differenziert+emotional

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