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Letzte Auswege

Boris Vian: Die Reichsgründer oder Das Schmürz

Premiere: Theater: Pfalztheater Kaiserslautern
Regie: Harald Demmer   Foto: Jörg Heieck 
Von Vanessa Renner am 23.01.2015

Das Schmürz ist ein am ganzen Körper in weiße Mullbinden einbandagiertes Wesen. Es wird geschlagen, gequält und erniedrigt. Aus einem Grund: seine bloße Anwesenheit. Der Verband verfärbt sich blutrot. Das Schmürz schlägt nicht zurück, aber es bleibt. Mit leerem Blick sieht es in die Menschen, die Figuren auf der Bühne und in die Zuschauer, hinein.

Ein beunruhigendes Bild entwirft Boris Vian in seinem 1959 in Paris uraufgeführtem Stück „Die Reichsgründer oder Das Schmürz“. Schauspieldirektor Harald Demmer bringt es im Pfalztheater Kaiserslautern auf die Werkstattbühne. Die Zuschauer finden sich inmitten eines 50er-Jahre Interieurs wieder, detailreich und phantasievoll von Manfred Schneider gestaltet. Ein angestaubter, grün-brauner Teppich. Eine Rückwand aus aufeinandergestapelten Einbauschränken, aus denen allerlei Getier, ausgestopfte Füchse und Plüschhasen, hervorlugen. Auf einem Servierwagen ein Balkonkasten, in dem eine kümmerliche Blume überlebt hat.

Wahrscheinlich waren es einmal viele, blühende Blumen. Damals in der Sechszimmerwohnung in sonniger Lage, in der die kleine Familie gewohnt hat: Vater Léon, Mutter Anna, Tochter Zénobie samt Dienstmädchen Cruche. Doch ein mysteriöses Geräusch – blechern und in einem bedrängenden Crescendo anschwellend – zwingt sie, Stockwerk um Stockwerk nach oben zu ziehen. In immer kleinere Wohnungen. Für das Publikum spürbar, da die Schrankwand nach vorne fährt und den Bühnenraum verkleinert. Zénobie hängt an der Vergangenheit und stellt die zentrale Frage: „Wovor sind wir auf der Flucht?“. Das bleibt unbeantwortet. Denn Zénobies Eltern spielen ein Spiel. Dessen Regeln sind: wegsehen, verschweigen, vergessen. „Ich kann nicht sehen, was dich quält“, erwidert Anna ihrer Tochter. Dabei rutscht ihr die Pelzmütze über die Augen. Ein scharfsinnig greifbares Bild, von denen es einige in dem temporeichen Stück gibt. Je rascher die Familie Koffer ein- und auspackt, desto weniger muss sie zurückblicken auf das, was war. Doch bald wird deutlich: das Ehepaar spielt um sein Leben. Léon beginnt zu stottern, Anna tippelt nervös auf den Boden. Wenn beide keine Ausreden finden, misshandeln sie das Schmürz mit Tritten, einer Peitsche oder einem Korkenzieher.

Doch das Schmürz bleibt. Es ist die Familie, die sich auflöst. Verbarrikadiert unter dem Dach, allein, erkennt der Vater, dass ihm weder seine Uniform noch seine Pistole Schutz bieten. Diesen Kampf mit sich selbst, in dem die Realität immer stärker in die Fassade aus Lügen einbricht, spielt Henning Kohne als Léon eindringlich. „Verzeihung, ich wusste das nicht“, ist Léons letzte Ausflucht, bevor er sich aus dem Fenster stürzt.

Eine Gesellschaft, die vor ihrer dunklen Vergangenheit in den Aufbruch flieht, die schweigt. Nicht erst Léons Monolog, den Sprachduktus Hitlers imitierend, über die Gründer früherer Reiche erinnert an Nachkriegsdeutschland. Doch scheint zugleich Zeitloses auf: die Angst vor etwas, das nur in den Köpfen existiert. Angst, die instrumentalisiert wird, um Menschen zu Feinden zu erklären, auszugrenzen und Mitgefühl zu ersticken. Das macht das Stück beunruhigend aktuell.

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