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Lehrstück in Demokratie

Gernot Krää, Oliver Haffner: Wackersdorf

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Landestheater Schwaben
Regie: Krystyn Tuschhoff   Foto: © Forster 
Von Manfred Jahnke am 01.10.2021

Im Spielfilm „Wackersdorf“ von 2018 erzählen Oliver Haffner und Gernot Krää die Geschichte des Landrats Hans Schuierer, der sich zunächst von wirtschaftlichen Interessen leiten lässt und den Bau der geplanten Wiederaufbereitungsanlage unterstützt. Dann aber, je tiefer er sich auf die Materie einlässt, je größer dabei die Zweifel werden, entwickelt er sich zum erklärten Gegner der Atomkraft. Was das mit einem Menschen macht, den die bayerische Staatsregierung mit allen Mitteln kalt zu stellen versucht, das führt die Bühnenfassung von Oliver Haffner nach dem Drehbuch des Films eindrücklich vor. Entstanden ist ein Lehrstück über zivilen Ungehorsam. Wenn man will, ist Schuierer auch eine Art Kohlhaas, der es nicht erträgt, wie die bayerische Staatsregierung sich über demokratische Grundrechte hinweg setzt.

Tschernobyl und Franz Josef Strauß

Zur Erinnerung: Wackersdorf markiert in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts eine der wichtigsten Auseinandersetzungen über die demokratische Zukunft des Landes. Von 1981, den ersten Plänen für eine Wiederaufbereitungsanlage, wobei  es in einer solchen auch die Möglichkeit zur Herstellung von waffenfähigem Plutonium hergestellt geben sollte, bis zum Baustopp 1989 entsteht nicht nur eine immer größer demokratische Bewegung. Zugleich zeigen sich immer brutalere Züge eines Polizeistaats, der nicht einmal davor zurückschreckt, international geächtetes CS-Gas gegen die Demonstranten einzusetzen. Dass der Widerstand sich schließlich durchsetzen konnte, hat wesentlich mit zwei Ereignissen zu tun: dem Supergau von Tschernobyl 1986 und dermTod von Franz Josef Strauß 1988.

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Das ist der Rahmen der Geschichte des Hans Schuierer, dem aufrechten sozialdemokratischen Landrat des Kreises Schwandorf, die in 45 Kurzszenen erzählt wird. Das Personenverzeichnis des Textes zählt über 29 Rollen, die von 8 Spielerinnen und Spielern übernommen werden. Das bedingt schnelle Wechsel, die teilweise auch direkt auf der Bühne stattfinden. Die Regie von Krystyn Tuschhoff entwickelt für die doch sehr filmisch gedachte Bühnenfassung einen eigentümlichen Erzählstil: Zeitsprünge, die es notgedrungen reichlich gibt, und Ortswechsel werden vom Ensemble als integraler Bestandteil einer Szene angesagt. Die so ineinander verwobenen „Erzählungen“ und Dialoge entfalten ein hohes Spieltempo. Fast atemlos jagt das Ensemble durch die Szenen, unterstützt auch durch die Kostüme von Franziska Isensee, die sowohl kleinbürgerliche Outfits wie den wunderbar karierten Anzug von Schuierer, verfremdete bayerische Folklore oder den geckenhaften Anzug des Lobbyisten Billinger, dem Tim Weckenbrock aasig ausspielt, zitieren. Zu Beginn wirken die Kostüme karikierend. Dadurch aber, dass das Grundkostüm bei allen Rollenwechseln gleichbleibt und nur durch wenige Accessoires ergänzt wird, wie eine gelbe Binde für die Demonstranten oder den Wechsel eines Jäckchens bei Franziska Roth, die unter anderem zwischen den Rollen der Sekretärin und der forschen Staatssekretärin hin- und herswitcht, verliert sich dieser Eindruck.

Lernprozesse vor dem Vorhang, Widerstand hinter geöffneten Lamellen

Die von Marcel Franken entworfene Szenerie erinnert in ihrer Grundkonstruktion an eine Mischung aus Sporthalle, insbesondere, wenn ein Mikrofon ins Zentrum gerückt wird, und kleinbürgerlichem Mief. Die wenigen Möbelstücke wirken schäbig. Nach hinten wird die Bühne abgeschlossen durch einen Vorhang aus weißen Lamellen, die sich öffnen, wenn der Blick auf den Taxöldener Forst freigegeben wird. Zu Beginn tragen die Bäume prächtige Kronen, am Ende liegen dort kahle abgesägte Stämme. Während Schuierers Lernprozesse vor dem Vorhang stattfinden, seine Begegnungen mit den Mächtigen, mit der Familie, mit den Genossen, sowie in seinem Büro rechts hinten (ein Schreibtisch, ein Stuhl, eine Schreibmaschine), finden die Widerstandsaktionen zunächst hinter den geöffneten Lamellen statt. Erst zum Ende hin vermischen sich die Spielebenen, drängt das Ensemble mit großen Schwelköpfen, unter denen man auch Strauß und Kohl entdecken kann, nach vorne und erst recht bei der symbolischen Beerdigung der Demokratie. Eine gespenstische Szene: Das Ensemble agiert unter schwarzen Regenschirmen mit langen schwarzen Schnüren und wirft jeweils eine Schaufel voll Sand auf den Stapel von Kränzen.

Als einziger spielt Jens Schnarred urchgängig eine Rolle, die des Hans Schuierer. Es gelingt ihm, den Erfahrungs- und Lernprozess seiner Rolle transparent zu machen. Er kann zuhören, ohne aufzubrausen, ein aufrechter Demokrat, dem man seine Haltung glaubhaft abnimmt. Während Scharre seine Rolle psychologisch gestalten kann, muss das restliche Ensemble mit seinen schnellen Rollenwechseln stets auf den Punkt da sein. Dass das funktioniert, liegt an der stringenten Regie von Krystin Tuschhoff, die das spielerisch explodierende Ensemble zu einer geschlossenen Leistung vorantreibt, dabei unterstützt von Cindy Weinholds Musik. Anke Fonferek, Elisabeth Hütter, Tobias Loth, Klaus Philipp und André Stuchlik bilden neben den bereits Genannten ein Ensemble, dem es eindringlich gelingt, dieses demokratische Lehrstück, dem viele Zuschauer zu wünschen sind, mit Witz auf die Bühne zu bringen.

 

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