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Langwieriger Weltuntergang

Bela Bartók / Carl Orff: Herzog Blaubarts Burg / De temporum fine comoedia

MusiktheaterPremiere: Theater: Salzburger Festspiele
Regie: Romeo Castellucci  Musikalische Leitung: Teodor Currentzis   Foto: SF/Monika Rittershaus 
Von Regine Müller am 27.07.2022

Nach zwei Jahren unter Pandemie-Bedingungen spielt Salzburg nun wieder unter fast normalen Regeln: Keine Maskenpflicht mehr, nur noch eine Empfehlung, volle Platzauslastung und Gastronomieangebot. Aber ganz normal ist die Stimmung zumindest im Vorfeld nicht gewesen, denn inzwischen wütet mitten in Europa ein Krieg und wirft für die Kunst auch einige ganz neue Fragestellungen auf. Schon die Auftaktpremiere birgt Konfliktstoff. Denn mit der Realisierung des Doppelabends mit Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ und Carl Orffs „De temporum fine comoedia“ betraute Intendant Markus Hinterhäuser Regisseur Romeo Castellucci und Dirigent Teodor Currentzis, ein Duo, das seit seinem Amtsantritt zum Kern seiner Dramaturgie zählt.

„Problemfall“ Currentzis

Mit Currentzis steht aber nun ein „Problemfall“ im Graben, denn seine Ensembles werden von der russischen VTB-Bank finanziert, die auf westlichen Sanktionslisten steht, außerdem waren die Ensembles kürzlich auf Gazprom-Tour und Currentzis schweigt sich bisher aus. Dennoch hält Hinterhäuser an ihm und seinen Ensembles fest und argumentiert clever, aber abwiegelnd. Tatsächlich stehen vor der Premiere Protestler auf der Seite der Schaulustigen in der Hofstallgasse. Aber sie protestieren nicht gegen den Auftritt von Currentzis, sondern krakeelen nur zum Auftritt von Politikern wie dem Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen. Im Saal wird es dann dunkel, sehr dunkel. Der Kegel einer Taschenlampe tastet sich durch die Nacht, es ist Teodor Currentzis, der zu seinem Arbeitsplatz schleicht. Wenn die Lampen im Orchestergraben wieder leuchten, brandet der erste demonstrative Applaus für ihn auf. Das Thema Currentzis ist also in Salzburg kein Thema.

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Womit wir bei der Kunst wären, die problematisch genug ist an diesem Abend. Was nicht an Currentzis liegt, der gewohnt energetisch, zupackend und effektsicher dirigiert, Bartóks postromantischer Partitur irisierende Farben entlockt, gähnende Abgründe aufreißt und Orffs perkussive Wucht präzis steuert. Sondern an Regisseur Romeo Castellucci, der sich offenbar zunehmend für letzte Dinge zuständig fühlt. Neulich in Aix-en-Provence ließ er in einem schwarzen Betonkubus zu den Klängen von Mahlers Auferstehungs-Sinfonie mehr als hundert Leichen exhumieren, was erst erschütterte, dann zunehmend langweilte.

Tiefschwarz: „Herzog Blaubarts Burg“

Nun verklammert er recht mutwillig zwei Werke, die miteinander eigentlich nichts zu tun haben. Bevor der erste Ton von Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ erklingt, hört man aus der Ferne Babygeschrei. Das Baby schreit, dann ist plötzlich Stille. Und dann hört man eine Frauenstimme verzweifelt schreien. Judith, die Frau, die jenem mysteriösen Herzog auf seine dunkle Burg folgt und von ihm fordert, sieben geheimnisvolle Türen zu öffnen, ist bei Castellucci keine Frau, die besessen ist von toxischer Liebe und fatalem Erkenntnisdrang, sondern eine durch Kindesverlust (oder Mord?) Traumatisierte. Damit kassiert er Bartóks abgründige Liebesgeschichte zugunsten eines rätselhaften, mit bedeutungsvollen Symbolen und Metaphern hochgerüsteten, ritualisierten Geschehens, das sich vor einer rabenschwarzen Stoffwand vorwiegend im Dunkeln vollzieht. Immer wieder entzünden sich von Geisterhand Flammen an metallenen Körpern, mal eine Säule, dann ein großer Kreis, oder das Wort „Ich“, das sich im Wasser spiegelt, das den Boden bedeckt.

Der schwarze Stoff wird den ganzen Abend über die archaische Arkadenwand der Felsenreitschule verbergen, womit Castellucci ein einmaliges Ambiente einfach verschenkt. Als Blaubart und Judith sind Mika Kares und Ausrine Stundyte zwischen den Feuer- und Wasserzeichen oft nur schemenhaft zu erkennen. Ein paar kammerspielartige Szenen bauen Spannung auf und wecken Interesse, aber alles bleibt düster raunend. Kares singt sonor und wohltönend, Stundyte setzte ihren hochdramatischen Sopran bis auf einen expressiven Ausbruch sparsam und schlank ein. Currentzis hat das Gustav Mahler Jugendorchester bestens im Griff.

Orffs Spiel vom Weltuntergang

Nach der langen Umbaupause öffnet sich wiederum ein schwarzer Raum, doch nun entern mit dem musicAeterna Chor und zwei weiteren Salzburger Chören die Massen die Bühne. Orffs Opernoratorium ist ein mit spärlichem musikalischem Material arbeitendes Spiel vom Weltuntergang mit herber, radikal ausgedünnter Klangsprache, das den Chören Schreien und skandiertes Sprechen abverlangt und die Schlagwerker rotieren lässt. Eine Handlung gibt es eigentlich nicht, am Anfang beschwören neun Sibyllen das Ende der Welt, dann übernehmen die larvenartig sich aus dem Boden quälenden Choristen sowie Lucifer (Christian Reiner).

Orffs karge Partitur hämmert schroff und öde repetierend religiöse Bekenntnisse, Orakelsprüche und Büßerformeln, Cindy Van Acker choreografiert die Massen zu Überwältigungs-Tableaus. Und Castellucci überbietet Orffs Faible fürs Archaische noch: Es wird gebetet, ein Totempfahl wird errichtet und eine Frau wird gesteinigt (Judith?). Und am Ende bittet Lucifer Gott um Verzeihung, bei Castellucci aber gemeinsam mit Judith und Blaubart, die hier wiederkehren. Diese platte Wendung bestätigt endgültig den schon dräuenden Verdacht, dass Castellucci esoterischen Kitsch produziert und dem problematischen „Ich“ Bartoks demütig sich unterwerfende Orff’sche Massen als (Er)-Lösung anbietet. Sehr fragwürdig.

Musikalisch und technisch wird das alles perfekt serviert und zielt auf Überwältigung, dennoch ziehen sich die Rituale zäh dahin. Aber das Publikum ist begeistert und feiert den Weltuntergang, Currentzis und sogar den bußwilligen Regisseur.

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