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Kosmos Shakespeare, irgendwie im Irgendwo

Lee Beagley: Shakespeares Pleasure Island

Premiere:  (UA)   Theater: Bremer Shakespeare Company
Regie: Lee Beagley 
Von Jens Fischer am 04.05.2011

Prosperos Welt ist eine Insel im Irgendwo, eine Bühne zwischen Traum und Wirklichkeit: Ort der Selbstvergewisserung, an dem das Märchen vom weisen Gott als Friedensfürsten gespielt wird. Ein Trugbild. Denn wer genau hinschaut, sieht im Läuterungs- und Vergebungsdrama auch den Fiebertraum eines Despoten, dessen Erziehungsprojekt im Ureinwohner Caliban sein erstes Opfer findet. Prosperos magisches Refugium ist Paradies, Labyrinth und Hölle: lockend, täuschend, abschreckend.

Stadtwerder ist eine Halbinsel im bremischen Irgendwo, eine parkähnliche Bühne zwischen rechter und linker Weserseite – mit einem Turm als Wahrzeichen. Darin wartete einst eine Million Liter Wasser, um aus 40 Meter Druckhöhe ins Trinkwassernetz eingespeist zu werden. Heute steht das Gebäude leer: lockend, täuschend, abschreckend für Investoren.

Und reizvoll für die Bremer Shakespeare Company (BSC). Sie behauptet, in den imposanten Raumvolumina die Insel des Prospero und darauf das Genesis-Institut für kreative Genetik sowie ein Wellness-Paradies gefunden zu haben: „Shakespeares Pleasure Island“. Aber so grob der Laufsteg und die beiden Podien zwischen die Zuschauer gezimmert wurden, so präsentiert sich auch die Regie Lee Beagleys. Nur schemenhaft sind Shakespeare-Figuren zu entdecken. Gefeiert werden hingegen Zitate aus Literatur und Film, die negative Gesellschaftsutopien zum Thema haben, von der Gleichschaltung der Menschen handeln – im Sinne optimierter Ausbeutung ihrer Arbeitskraft. Zu erleben sind pantomimische Satire auf Massentourismus, gespielte Witze gegen Gentechnik, Spott wider den Verlust von Individualität – und mäßige Gesangsdarbietungen. Ist all das noch lustig oder schon Comedy?

Jedenfalls: ein Königreich für einen Dramaturgen. Der aber fehlt auf der Besetzungsliste. Auch deshalb mangelt dem Zickzack der Assoziationscollage die stabile Balance von Parodie und Ernst. Der wahllos wechselnde Ausdrucks- und Formwille sowie die Unzahl der optischen Events, Originalitätskrämpfe und Witzigkeitsanfälle lassen den Abend als Alptraum-Varieté scheitern. In Sachen ästhetischer Behauptung einer künstlerischen Identität verbleibt die BSC experimentierfreudig im Irgendwo stecken – zwischen Regietheater der neusten Stadttheatermoden, Klamauk-, Rabatz- und Überbau-Effekten. Jetzt einfach mal eine Runde aussetzen und zurück auf Start: Kosmos Shakespeare!

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