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Konzentriert und offen

Friedrich Hebbel: Die Nibelungen

Premiere: Theater: Rheinisches Landestheater Neuss
Regie: Esther Hattenbach/Bettina Jahnke   Foto: Bjoern Hickmann/Stage Picture 
Von Andreas Falentin am 23.09.2013

Dass eine unter dem Motto „Spielen!“ stehende Theatersaison ausgerechnet mit Hebbels verschwurbelten „Nibelungen“ beginnt, verwundert – trotz Geburts- und Sterbejubiläum des Autors – zumindest auf den ersten Blick. „Siegfrieds Tod“ und „Kriemhilds Rache“ wurden von verschiedenen Regisseurinnen inszeniert und auch getrennt besetzt, so dass das komplette Ensemble des RLT beteiligt ist. Zur Premiere wurde das Ganze in einem 5 ½ stündigen Marathon präsentiert.

Karge, steingraue Wände hat Juan Leon auf die Neusser Bühne gestellt. Die Regisseurin Esther Hattenbach macht vom ersten Moment an klar, worum es hier geht: Starke Frauen werden Opfer einer degenerierten Machtmännerwelt. Dem leidenschaftlichen Dialog zwischen Kriemhild und ihrer Mutter stellt sie Gunther und seine Kumpane entgegen, die weiß gekleidet auf einer Stahlrohrtreppe angeordnet sind wie fürs High-School-Abschlussfoto und sich an müden Späßen delektieren. Siegfried tritt als unprätentiöser Spaßvogel auf, unbelastet von Überzivilisation, sportlich, nett, aber nicht wirklich interessant. Zu Beginn plätschert das Spiel dahin. Das von Soundregisseur Matthias Mainz tontechnisch überformte Kratzen und Schlagen auf Donnerbleche und Metallspiralen und die vielen großen Übertreibungen und kleinen Textimprovisationen wirken etwas beliebig. Erst mit der Ankunft Brunhilds am Gibichungenhof nimmt das Spiel Fahrt auf. Ulrike Knobloch wirkt wie ein riesiges Alien in ihrer Pelzjacke, natürlich, geradeaus, unsensibel, aber mit kindlicher Verletzlichkeit. Plötzlich ist in der Inszenierung alles an der richtigen Stelle. Die Schraube dreht sich so unerbittlich wie vorhersehbar. Das Duell zwischen Brunhild und Kriemhild, die Sigrid Dispert rückhaltlos als von Leidenschaft entfesseltes großes Mädchen verkörpert, reißt den in seiner Schwäche fast schönen Gunther und natürlich den naiven Siegfried in unterschiedliche Abgründe. Einzig Hagen fügt sich nicht ins Konzept. Andre Felgenhauer tanzt brillant durch seine Rolle. Was ihn treibt, erfährt man nicht.

Im zweiten Teil geht es strenger zu. Hausherrin Bettina Jahnke lässt zunächst vor allem konzentriert sprechen, mit vielen Pausen, um das Gesagte, das Gehörte zu verstärken. Die Dialoge zwischen dem fast untot gelassenen Rainer Scharenberg als Gunther und dem aus einer anderen Welt energetisch herüberlächelnden Hagen von Andreas Spaniol, das Gespräch zwischen Dietrich von Bern (Johann Schiefer als Superheld in Understatement-Maskierung) und dem fast depressiven Rüdiger (Joachim Berger im Frack) über Macht, Tat und Moral treffen ins Herz, lassen die zeitliche Distanz – ohne zwanghafte Aktualisierung – vergessen. Aus dem Gemetzel im Schlussakt macht Bettina Jahnke einen Sprechchor vor blutroter Wand. Die Handlung wird klar vermittelt, berührt hier aber nicht mehr, geht nur noch zuende. Die Figuren erscheinen auserzählt, was wohl auch eine Schwäche der Vorlage ist. Zudem bleibt die Etzel-Figur arg blass und Linda Riebaus Kriemhild wirkt, trotz hervorragender Textbehandlung, geradezu statuarisch. Man nimmt ihr die Racheobsession, zumal nach der exaltierten Performance ihrer Rollenvorgängerin, nicht wirklich ab.

Als Ganzes allerdings beeindruckt der überlange Abend über die Maßen mit seinem Verzicht auf Requisiten, seiner Konzentration auf die Figuren, ihre Sprache und Haltung. Das schauspielerische Niveau ist hoch, die bekannte Erzählung erscheint lebendig und, wenn nicht neu interpretiert, so doch eigenständig gewichtet. Hierzu hat wohl auch ein eigens veranstaltetes Kolloquium beigetragen, in dem die Schauspieler und Regisseurinnen der Produktion auf Literaturwissenschaftler trafen. Dazu öffnete sich das Haus in eine neue Richtung. Eine Twitter-Community wurde zu einer Offenen Probe – und der Veranstaltung eines darauf bezogenen TweetUps – eingeladen (Reaktionen auf NibelNe.tweetwally.com)

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