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Konfrontative Familienaufstellung

Oliver Bukowski: Wer seid ihr?

Premiere:  (UA)   Theater: Landesbühnen Sachsen Radebeul
Regie: Tom Quaas   Foto: Hans Ludwig Böhme   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Ute Grundmann am 27.04.2019

Familie Häuser macht in ihrer Dorfkneipe Betriebsferien. Nicht, weil das Wetter so schön wäre, sondern weil Tochter Lisa unfreiwillig nach Hause gekommen ist, bewusstlos, im Rollstuhl. Sie ist radikal-linke Aktivistin, natürlich mit Blog, der Rest der Familie gehört an den äußerst anderen Rand des Politikspektrums, nach rechts. Und so fragen sich alle sehr bald „Wer seid ihr?“, so auch der Titel des Schauspiels, das Oliver Bukowski für die Landesbühnen Sachsen in Radebeul geschrieben hat. Die Uraufführung auf der Studiobühne inszenierte Tom Quaas. Für die hat Tom Böhm ein volksnahes Bühnenbild entworfen: eine Kneipe eben, mit grasgrünem Boden, matter Lämpchengirlande, Bänken und Tischen für‘s Publikum, der Zapfhahn auf der Theke ist „außer Betrieb“, ein Glas Wein gibt es für die Zuschauer, obwohl eine Tafel verkündet: „Heute nur Flaschengetränke für 1 Euro“.

In dieser Umgebung spielt das Stück von Bukowski, das man auch eine Familienaufstellung nennen könnte. Da die Rechten, dort die Linke, und dazwischen Lisas Freund Fred, als „neutraler“ Schweizer quasi der Schiedsrichter, was aber nicht ganz funktioniert. Und natürlich geht es, im Jahr 30 nach der Friedlichen Revolution, um das Befinden im Osten. Die Männer – Lisas Vater Martin (Michael Heuser) und sein Bruder Ralf, genannt Ralle (Matthias Henkel) – sind laut und raubeinig, um ihre Verunsicherung zu verbergen. Mutter Renate (Anke Teickner) will vor allem Frieden, mit der Tochter mal „ohne Powerpoint und Quellennachweis“ reden und sie vom steten grimmigen Klassenkampf abbringen. Doch Lisa (Sophie Lüpfert), in Lederjacke, Jeans und derben Stiefeln kampfgerecht gekleidet (Kostüme ebenfalls von Tom Böhm), schnell gesundet, lässt nicht locker in ihrem Widerstand gegen „industriell vorgefertigte Persönlichkeiten“.

Zwar kann sich der 1961 in Cottbus geborene Oliver Bukowski ein bisschen Ost-Häme nicht verkneifen: Er verballhornt Titel von MDR-Sendungen, die über einen großen Bildschirm flimmern, verhohnepipelt die Schlagerbegeisterung in den neuen Ländern (Andrea Berg wird gezeigt) und weil Helene Fischer von dort stammt, wird „Du gehörst nach Sibirien“ geschimpft. Das ist so entbehrlich wie „Alle aufstehen zum Saubermachen“ und verordneter „Seitenwechsel“ für die Zuschauer. Doch ansonsten sieht Bukowski genau und oft analytisch hin. Am Frühstückstisch wird ein Pegida-Aufmarsch „wie’n Kirchgang“ beschrieben, entspinnt sich zwischen Mutter und Tochter der verbale Schlagabtausch „Im Osten war nicht alles schlecht“ – „Den Spruch haben jetzt die Faschos“ – „Was darf man denn überhaupt noch sagen“. Da sind die leider allzubekannten rechten Parolen längst im normalen Sprachgebrauch gelandet und Lisas „Die sind nicht blöde, das ist ja das Problem“ zeigt die verbale Gegenseite. Fast zu viel packt Bukowski in sein 80 Minuten kurzes Drama hinein, aber zum Glück verfallen weder Regisseur Tom Quaas noch die ausgezeichneten Darsteller in die Klischees, die das Stück auch ausstellt.

Hinter Ralles Raubauzigkeit läßt Matthias Henkel Unsicherheit durchscheinen und seine Sehnsucht, wenn man Heimat nicht mehr sagen dürfe, wolle man trotzdem gerne eine haben. Mit seinem Bruder, Lisas Vater, streitet er sich, wer von beiden „rechter“ ist und doch vereint sie die West-Sicht auf ihresgleichen, „keiner lässt uns mitspielen, also fangen wir an zu quengeln“. Michael Heuser gibt seiner Figur den Zorn mit: Sie wollen nicht länger fertig erzogen werden von denen.

Dann schlüpft Lisa – von Sophie Lüpfert differenziert zwischen Kampfpose und selbstquälerischen Fragen dargestellt – in ein adrettes Dirndl, um Frieden zu stiften. Doch bald knallt es, ein Brandanschlag zerstört die Kneipe, die Familie rettet sich hinter die Theke. Nach dem brutalen Ende – weil die Mutter mit deren Aktivität geprahlt hatte, wird Lisa vor laufender Handykamera als „Zecke“ totgetreten –, herrschte minutenlange Stille, gefolgt von langem Applaus.

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