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Kollektive Leidenslitanei

Michel Houellebecq: Serotonin

Premiere:  (UA)   Theater: Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Regie: Falk Richter   Foto: Arno Declair   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Michael Laages am 07.09.2019

Fans blieben Fans und Verächter Verächter – „Serotonin“, der jüngste Roman von Frankreichs literarischem Chef-Provokateur Michel Houellebecq, hat beim Erscheinen in diesem Jahr nicht wirklich neue Positionen herausgefordert in den Reihen von Kritikerinnen und Kritikern. Das Theater aber griff schnell zu – und nach dem haltbaren Bühnenerfolg von „Unterwerfung“ (als monströsem Solo für den Schauspieler Edgar Selge) zeigt das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg nun auch eine Dramatisierung des neuen Houellebecq. Diesmal allerdings nicht als selbstquälerisches Solo – das wäre sicher ein bisschen zu viel an Fortsetzungs- oder gar Serienstrategie. Falk Richter (der zuletzt in Hamburg „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek zum monströs-medialen Spektakel aufblies) hat sich nun Houellebecqs Phantasien gestellt – und zu viert und im Bademantel fällt uns Houellebecqs Ich diesmal kollektiv ins Haus.

Die Herren, die alle den Agraringenieur Florent-Claude Labrouste darstellen, könnten aber gut und gern auch zu dritt oder im Dutzend auftreten – Falk Richters Inszenierung will vor allem und sofort zeigen, dass für‘s erste nirgends Individualität aufkommen wird in der Leidenslitanei von Monsieur Florent. Zwei Frauen unterbrechen und kommentieren zwar aus einer Loge im ersten Theaterrang herab die losbrechende Suada lächerlicher Männlichkeit, und sie steuern dankenswerterweise auch Medizinisches bei zur Geschichte dieser kollektiven Depression des Maskulinismus – aber an zentraler Stelle (in einem der wenigen Momente tatsächlich möglicher Liebe!) übernimmt sogar auch noch eine dieser Frauen die Rolle von Houellebecqs Ich. Dann ist es zu fünft; aber wie viel Ich auch immer im Einsatz ist – nur darum geht es halt in letzter Konsequenz. Einmal mehr gräbt der Autor sich ganz tief hinein in die selbstzerstörerische Analyse eigener Belanglosigkeit.

Das ist die banale (und überhaupt nicht abendfüllende) Wahrheit – einer, der sich selbst als „Weichei“ charakterisiert und (auf Grund der serotoninhaltigen Medikamente gegen die Depression) selbst in raren Fällen von Begierde eben leider auch als Schlappschwanz, erzählt langatmig und ausschweifend von einem Leben, das immerzu und immer wieder schief geht. Was sehr bald sehr vorhersehbar wird – da mag sich der eine oder die andere im Publikum schon überlegt haben, ob mit diesem Abend (der immerhin die Spielzeiteröffnung war am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg!) nicht auch etwas Interessanteres anzufangen gewesen wäre.

Und das liegt eben nicht nur am bloß gelegentlich boshaft witzelnden Vor-sich-hin-Gelaber dieses Quartetts aus lauter Abziehbildern – auch Falk Richters Inszenierung gelingt es hier (anders als bei Jelinek) gerade nicht, die monomane Struktur des Textes wirklich aufzubrechen und szenisch zu gestalten; auch nicht in den Szenen, in denen tatsächlich mal ein Gegenüber ins Spiel tritt. Meist ist das eine Frau, für die dann für das Ich des Romans vorzugsweise all das Müll-Vokabular hirnlos-schwanzfixierter Macho-Männer im Vorrat hat – die erste dieser Frauen wird allerdings und immerhin von einem der Ich-Doubles gespielt; will sagen: wenn dieser Monsieur Florent liebt oder auch nur begehrt, begehrt und liebt er natürlich auch wieder nur das eigene Selbst. Verstanden, abgehakt – langweilig.

Spät erst (kurz vor der Pause) bekommt der Abend einen Hauch von Dimension – beim einzig verbliebenen Jugend- und Männerfreund Emeric, Sohn aus alter Adelsfamilie, versenkt sich Monsieur Florent nicht nur in der Erinnerung an Pop-Ikonen der 70er Jahre, sondern lernt auch Schießen mit schwerem Gerät – sowie Ideologie von noch schlimmerem Kaliber: „Wer nicht den Mut zum Töten hat, hat auch nicht den Mut zum Leben“. Naja. Emeric ist Öko-Landwirt und bringt sich um in einem feurigen Aufstand französischer Bauern gegen die Strukturen der EU. Ab hier driftet auch Houellebecqs Ich massiv in finale Phantasien: will den vierjährigen Sohn der Ex-Geliebten abschießen mit monströsem Kriegsgerät, schafft aber auch das nicht; wie er ja nie etwas wirklich schafft. In einem Wohnsilo an der Pariser Peripherie bereitet er schließlich das eigene Verschwinden vor – und Text und Stück rufen dieses Aus-der-Geschichte-Gehen zum Fanal aus: Ob denn das der einzige Ausweg sei? Ja.

Bestenfalls in derart lakonischen Momenten vermittelt die Bühnenfassung des Romans eine Art Ahnung von Energie; wenn auch negativer. Wer sich Vorteile erhofft von der restlosen Vertilgung wertlosen, weil nichtswürdigen Männerlebens, mag auch an Houellebecqs Selbstbezichtigung seine oder ihre Freude haben. Das Theater aber profitiert davon in Hamburg eher nicht.

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