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Keine Selbstverständlichkeit

: Mittelreich

Premiere: Theater: Münchner Kammerspiele
Regie: Anta Helena Recke nach Anna-Sophie Mahler   Foto: Judith Buss   
Fotos und Informationen auf der Homepage der Münchner Kammerspiele
Von Anne Fritsch am 13.10.2017

Was wäre, wenn man eine Produktion nimmt und sie noch einmal inszeniert? Genau so, wie sie ist. Nur mit durchweg schwarzen statt weißen Schauspielern? Es passt zu Matthias Lilienthal und seinen Münchner Kammerspielen, dass man so einer Frage hier nachgeht. Mit aller Professionalität.

Es ist ein Experiment: Anta Helena Recke, 2015 Regieassistentin bei Anna-Sophie Mahlers Inszenierung des Bierbichler-Romans „Mittelreich“, studiert diese neu ein. Identischer Text, identische Bühne, identische Abläufe, andere Schauspieler. Das Ergebnis ist erstaunlich. Die Temperatur, die Stimmung der Inszenierung ist eine völlig andere als beim Original. Man erkennt alles wieder und doch ist alles neu. Die Schauspieler ahmen die Originaldarsteller nicht nach, sie machen deren Vorgaben zu ihren eigenen, füllen sie mit ihrer eigenen Persönlichkeit. Keiner von ihnen muss sich verstecken, keiner ist eine Notbesetzung. Recke hat sich ein Ensemble aus professionellen deutschen schwarzen Schauspielern zusammengesucht.

In der Diskussion, welche Rollen für schwarze Darsteller geeignet sein könnten, würde die Wahl wohl eher zuletzt auf die der bayerischen Wirtsfamilie fallen, von der Sepp Bierbichler in seinem autobiographisch angehauchten Roman erzählt. Es ist eine Geschichte, die nach Bierbichlers eigener klingt, an einem See, der nach Starnberger riecht. Reich sind sie nicht, arm aber erst recht nicht mehr, „mittelreich“ eben. Der „junge Seewirt“ erzählt eine Geschichte über drei Generationen, vom Wandel der Zeit, von Kindheit, Jugend, von kleinen Momenten des Glücks und großen Tragödien persönlichen und historischen Ausmaßes. Vom sexuellen Missbrauch im Klosterinternat, von gescheiterten Lebensträumen, von Krieg und Flucht. Anna-Sophie Mahler hat das Ganze mit Live-Musik und Chor als musikalisches deutsches Requiem inszeniert.

Indem nun alle Darsteller schwarz sind, ist das gesamte oberbayerische Setting von vornherein gebrochen, das Vertraute erscheint fremd, das Fremde vertraut. Wenn Moses Leo vom „Eierwastl-Bauer von Kirchgrub“ erzählt, hat das automatisch eine andere Wirkung, als wenn Steven Scharf dasselbe tut. Wenn Victor Asamoah eine Maß Bier stemmt, ist das irgendwie sofort auch ein Kommentar aufs Maß-Stemmen. Das Bayerntum steht auf eine ganz andere Art auf dem Prüfstand, ist dem Blick von außen ausgesetzt. Diese Distanz zum Text tut diesem erstaunlich gut. Die Reibung zwischen Erzähltem und Erzählenden schafft eine ganz neue Spannung. Weil sie mit der Erwartungshaltung bricht. Weil das Gezeigte seine Selbstverständlichkeit verliert und so neu hinterfragt werden kann und will.

Was hier in den Fokus gerückt wird, ist der Blick des anderen auf das eigene. Es ist, als wäre man drei Schritte zurück getreten und blicke erneut auf das vermeintlich Bekannte: auf die bayerischen - und deutschen - Menschen, das Land, den Humor. (Und letztendlich auch auf das Theater, das fast immer so tut, als wäre unsere Gesellschaft rein weiß.) „Das sind ganz andere Menschen, diese Flüchtlinge“, heißt es einmal. Doch wer der Flüchtling ist, auch das ist relativ, blickt man ein wenig zurück in der Geschichte. Was dieser Abend tut.

Man sitzt inmitten eines schwarz-weißen Publikums und schaut sich eine Geschichte über ein Wirtshaus voller Weißer, gespielt von Schwarzen, an. Es fühlt sich gut an. Und es bleibt zu hoffen, dass dieses Experiment ein Schritt hin zu einer neuen Offenheit ist. Denn auch wenn es eine Binsenweisheit ist: Schauspieler spielen Rollen. Sie sind nicht, was sie darstellen. Insofern ist es völlig egal, welche Hautfarbe sie haben. Unerwartete Besetzungen aber können mit Sehgewohnheiten brechen und neue Aspekte einer bekannten Geschichte hervorholen. „Du begreifst endlich, dass Kunst Leben ist“, sagt Semi gegen Ende zu seinem Vater. „Und Leben Geschichte.“ 

 

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