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Keine Ausflüchte!

Adam Price: Borgen

SchauspielPremiere: Theater: Schaubühne
Regie: Nicolas Stemann   Foto: Arno Declair 
Von Michael Laages am 15.02.2016

Womöglich muss ja jede Generation die gleichen Lektionen immer wieder neu lernen. Mitte der 70er Jahre etwa, noch vor dem Aufstieg der neuen „Grünen“, trat im Düsseldorfer Kabarett „Das Kom(m)ödchen“ ein Politiker neuen Typs auf, einer mit „Visionen“ … und als er nach den ersten Pleiten behauptete, „Ich werde doch gewählt, um Politik zu machen!“, hielt ihm die erfahrene politische Konkurrentin (Lore Lorentz) entgegen: „Sie machen Politik, um wieder gewählt zu werden!“ – „Aber was nützt mir die Wahl, wenn ich meine Politik nicht machen kann?“ beharrte er; darauf sie: „Was nützt ihre Politik, wenn Sie nicht wieder gewählt werden?“ – „So ein Blödsinn!“ bölkte da das Volk dazwischen – und wurde von der klugen Frau Lorentz abgebürstet: „Sie sind ganz still! Das ist immerhin noch parlamentarische Demokratie – aber die ist für Sie viel zu schade!“ – Diese produktive Arroganz klingt heute, vier Jahrzehnte später, ziemlich aktuell; und über die klare Kabarett-Analyse demokratischer Defekte von damals kommt „Borgen“, die weltweit bejubelte Fernsehserie aus Dänemark, heute kaum hinaus. Die Berliner Theaterfassung übrigens auch nicht …

„Borgen“ hat nichts zu tun mit Leihen und Verleihen – so nennen die Dänen Schloss Christiansborg, den Sitz der dänischen Regierung in Kopenhagen. Brigitte Nyborg zieht hier ein nach einem erstaunlichen Sieg bei der Wahl – erstaunlich, weil sie sich den Ritualen der politischen Platzhirsche verweigert; und zum Beispiel nachdenklich schweigt, als sie in der „Elefantenrunde“ am Vorwahlabend die letzten zwei Minuten freier Redezeit nicht nutzt für Eigenwerbung. Sie will „sie selbst“ bleiben im Haifischbecken der Ränkespiele und Intrigen – und zielstrebig erzählen die Folgen der Serie, wie unmöglich das ist.

Im Gezerre um Koalitionen setzt sich „die Neue“ noch durch, aber schon mit Blessuren; dann muss sie immer wieder immer schlimmere Kompromisse schließen – zunächst mit bräsigen Hinterbänklern, dann auf der Weltbühne. Wie lange schon ist Grönland (das dänische Staatsgebiet!) Durchgangsstation für Guantanamo-Häftlinge? Für diese Frage setzt sie ein Treffen mit Barack Obama aufs Spiel. Wer zieht die Strippen hinter Nyborgs Friedensinitiative in Afrika? Da begibt sie sich in die Abhängigkeit von einem Groß-Industriellen mit Interessen vor Ort. Womit wurde ihr Verteidigungsminister bestochen, um bestimmte Flugzeuge einzukaufen? Nicht dieses Kabinettsmitglied, sondern die Karriere des eigenen Gatten opfert die nunmehr eiserne Lady – er muss den Top-Job in der Wirtschaft hinschmeißen, weil der neue Arbeitgeber mit verdient an den Flugzeugen.

Das ist der Sargnagel für die eh längst schwer beschädigte Familie; die Kinder sind schon in psychiatrischer Behandlung … am Ende der Bühnenfassung (mit gut einem Drittel der Motive aus den 30 Serienfolgen) hält die zerschundene Frau Nyborg im Parlament noch mal eine Art Blut-Schweiß-und-Dänen-Rede – und siegt. Fortsetzung folgt.

Die Bühne profitiert erstaunlich wenig von dem Stoff – weil er so prinzipiell flach wie auf dem Bildschirm bleibt, wie schnell auch Szenen wechseln, wie viel Video-Optik auch im Spiel ist. Vieles bleibt eher naiv, und an den politischen Knack-Punkten geht die Fabel kaum anders vor als eine Telenovela in – sagen wir mal – Brasilien. Das Haar ist recht lang, an dem vieles hier herbei gezogen wird. Besonders grotesk geraten die Momente, wo Nicolas Stemann dem zunehmend besinnungslosen szenischen Geschwindschritt mit ständig wechselnden Rollen Kommentare unterlegen will – da analysieren dann die altklugen Kinderlein gut neo-marxistisch, dass die aktuellen Fluchtbewegungen zwar auch Kriegen, vor allem aber der Arbeitsmigration geschuldet sind; jetzt kommen uns halt die Armen besuchen, sagen sie, die bis jetzt unter der Knute unserer wirtschaftlichen Übermacht darbten. Die Globalisierung schlägt zurück. Daran mag viel Wahres sein – bei den lieben Kleinen ist das aber nicht gut aufgehoben, zwischen Hysterie und Bettnässerei.

Und auch die Bindung von Frau Nyborgs politischem Überlebenskampf an die Niederungen und Abgründe von Presse, Funk und Fernsehen eröffnet nur Nebenkriegsschauplätze, schafft zudem noch mehr Rollen für nur vier Stück Haupt-Personal – das lenkt eher ab von den zentralen Fragen an die Politik: Wozu ist sie gut, wenn sie ohne Mehrheit bleibt? Lässt sich mit falschen Mitteln Richtiges bewirken – und umgekehrt? Ist Vision ohne Pragmatismus möglich – und wiederum umgekehrt? Und hat „das Volk“, Heinrich Heines „großer Lümmel“, tatsächlich Besseres verdient, als es bekommt?

Bevor am Ende und im Video gröhlende Horden in die Szene brechen, „Wir sind das Volk!“-Chöre, wie damals 1989, aber hier und heute mit ganz anderen völkischen Zielen, gibt’s noch eine wirklich kluge Szene: Frau Nyborgs nunmehr geschiedener Gatte entdeckt auf den großen Teleprompter-Bildschirmen, die (wie öfter bei Nicolas Stemann) das Soufflieren ersetzen, all die Regie-Anweisungen, denen er den ganzen Abend über gefolgt ist. Das will er nicht mehr. Aussteigen will er aus der Medien-Klappse! Er zieht den Stecker, der Schirm wird schwarz – und noch zuletzt tut der Mann genau das, was der Schirm ihm aufgetragen hat.

An Flucht ist nicht zu denken. Fürs erste auch nicht für die Politik, wie sie ist.

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