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Kaum noch Fragen an Europa

Oliver Frljic und Ensemble: Requiem für Europa

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Staatsschauspiel Dresden
Regie: Oliver Frljic   Foto: David Baltzer 
Von Detlev Baur am 04.11.2016

Die Zukunft Europas ist eine drängende politische Frage, der sich momentan auch die Theater intensiv annehmen. Das Staatsschauspiel Dresden widmet sich gar über die ganze Spielzeit hinweg dem Sorgenkind Europa. Nun zeigte der (in Bosnien geborene) kroatische Theatermacher Oliver Frljic, durch „Balkan macht frei“ 2015 am Münchner Residenztheater auch in Deutschland ein beachteter Regisseur, im Kleinen Haus ein „Requiem für Europa“. Mit einem fünfköpfigen Dresdner Ensemble beeindruckt diese anderthalbstündige Revue auch wegen des nicht von deutschen Sichtweisen geprägten theatralen Blicks auf den alten Kontinent.

Zunächst schweben ganz gemächlich fünf verlotterte Clowns von oben auf die Bühne. Hier wie im Folgenden gibt die eingespielte Musik das Tempo vor –und das variiert (wie auch die Lautstärke) sehr stark. Ein Großteil der Wirkung des „Requiem für Europa“ verdankt sich also nicht-sprachlichen Elementen. Auch hier schaffen Frljic und sein Team im Kontrast starke Wirkungen. Als erster spricht nach der Landung Sebastian Pass alleine vor dem schon wieder geschlossenen roten Vorhang. Der Darsteller outet sich als Österreicher, der auf freundliche österreichische Art ganz Dresden eindringlich wünscht, „dass es platt gemacht wird.“

Die kompakte und kontrastreiche Performance-Revue setzt sich mit Fragen auch der deutschen Kollegen (Annedore Bauer, Loris Kubeng, Benjamin Pauquet und Alexandra Weis) zu Europa fort. Dabei vermischen sich, teils auch ambivalent zu verstehende Fragen zum Zustand des Kontinents mit Fragen zur mythologischen Gestalt der Europa, der Namensgeberin des Erdteils. Letztlich ist dieses Requiem eine Suche nach der Herkunft und den Überlebenschancen für Europa – auch die Fragen sind da eher rhetorischer Natur und bedeuten keine wirkliche Befragung mit wirklich politisch-aktuellem Hintergrund.

Am Ende ist ein zum Durchnittsmann von heute gewandelter Darsteller (Loris Kubeng) in einem schummrig beleuchteten Krankenhausraum voll abgetakelter Prostituierter zu Gast. Er meint Europa, eine heruntergekommene Jungfrau (Alexandra Weis) gefunden zu haben, diese sieht in ihm wiederum Zeus; und der besorgt einen rollenden Sarg für sie, in den er sich schließlich selbst mit hineinlegt. Dass aus dieser morbiden Vereinigung etwas Gutes entstehen könnte, bleibt zweifelhaft; andererseits haben sich Kontinent und seine Namensgeberin in ihrem tödlichen Zustand endlich in einer Figur getroffen.

Dieses Todesspiel erinnert auch an Tadeusz Kantors bilderstarkes und emotionsreiches „Theater des Todes“. Zuvor hat Frljic auch den Spielort Dresden in sein unterhaltsames Requiem miteinbezogen. Auf einem Hausgerüst aus Holz ist das Datum 13. Feburar 1945, also die Bombardierung Dresdens, groß angeheftet. Auch bei diesem Haus (Bühne: der Regisseur und Anne-Alma Quastenberg) ist fraglich, ob er für einen Anfang stehen kann. Zwischen diesen morbiden Szenen wird das Publikum (bei der Premiere teilweise durchaus erfolgreich) zum Mitspielen animiert, etwa bei einer Lesung aus antisemitischen Texten Luthers oder bei einem Nullsummenspiel um die Frage, wie hoch die Opferzahl in Dresden denn nun genau war.

Auch ein kryptischer Text Kafkas, „Schakale und Araber“, bringt nicht unbedingt mehr Klarheit in die hoffnungslos scheinende Identitätsfrage Europas. Als Antwort auf all die Fragen legt dieses Requiem schlicht den Tod des Kontinents als Abendland nahe. Das intensive Spiel der fünf Akteure macht dieses Ende Europas zu einem ästhetischen Genuss.

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