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Kapitulation vor der Parodie

Wolfram Lotz: Der große Marsch

Premiere: Theater: Saarländisches Staatstheater
Regie: Christoph Diems   Foto: Thomas M. Jauk 
Von Stefan Keim am 07.06.2011

Wie soll das gehen? Dass eine „Gruppe echter Sozialhilfeempfänger“ auf die Bühne kommt, mag ja in Zeiten performativer Lösch-Züge noch angehen. Aber Josef Ackermann, Arbeitgeberpräsident Hundt und 50 Nereiden? Und dann sollen „21 mongoloide Kinder“ das Theater auseinandernehmen. „Der große Marsch“ von Wolfram Lotz ist eine Parodie auf die zeitgenössische Bühnenkunst, die beim Lesen Spaß macht. An die Umsetzung hat sich nun das Staatstheater Saarbrücken gewagt.

Auch der Autor Lotz – Jahrgang 1981, ausgezeichnet mit dem Kleist-Förderpreis und dem Publikumspreis des Stückemarktes beim Berliner Theatertreffen – soll selbst auftreten. Doch auf der Bühne steht eine Schauspielerin, die wie Peter Handke aussieht. Das ist noch irgendwie lustig, aber dann wird Christoph Diems Inszenierung ganz scheußlich. Eine politisch überkorrekte Schauspielerin taumelt durch den Abend und versucht, ihren Gesprächspartnern ihre Meinung aufzuzwingen. „Unmögliche“ Spielanweisungen werden einfach gesprochen und sonst ignoriert. Lotz hat eine Revue geschrieben, die ständig zusammenkracht, eine Art Muppet-Show. Der Aufführung fehlt Tempo und Witz, sie quält sich schon vor der Pause dahin und kommt danach, wenn die Schauspieler im Publikum sitzen und die Zuschauer auf der Bühne, fast ganz zum Stillstand. Das könnte Absicht sein. Vielleicht will Diem zeigen, wie doof und langweilig Theater sein kann, indem er selbst doofes und langweiliges Theater macht.

Während die Zeit nicht vergeht, fängt man allerdings an, über den Text nachzudenken. Und das tut dem Stück nicht gut. Denn mit Ausnahme von Volker Lösch – dessen Ästhetik zwar auch nicht getroffen wird, aber Satire darf vergröbern – gibt es solche Formen des Agitprop-Theaters heute nicht mehr. Auch wenn Lotz am Ende ein „Manifest über das unmögliche Theater“ formuliert, kann man nur mit der Schulter zucken. Wenn er ins Theater ginge, könnte er schon finden, was er da so wortreich fordert. Umgesetzt wird der Text übrigens als Sprechchor im Stile Löschs. Ist das Manifest also auch bloß eine Parodie? Und geht es hier überhaupt noch um irgend was? Ich habe mich selten geärgert, einen Abend im Theater verbracht zu haben. Diesmal schon.

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