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Kafkas Burnout

Florian Illies: 1913

Premiere:  (UA)   Theater: Theater Oberhausen
Regie: Vlad Massaci 
Von Bettina Weber am 18.09.2013

1913: Eine Runde Männer und Frauen in historisch anmutenden Kostümen betritt die Bühne, ein paar Fracks, ein paar Federn. Was bloß noch fehlt, sind Zigarettenhalter und ein paar Drinks. Obschon die Veranstaltung zunächst den Anschein irgendeines klischeehaft-belanglosen gesellschaftlichen Abends erwecken mag – der Eindruck täuscht. Wir sehen die großen Künstler, Avantgardisten, und späteren Politmonster des 20. Jahrhunderts auf der Bühne versammelt: Franz Kafka, Else Lasker-Schüler, Thomas Mann, Gottfried Benn und Co., dazu Stalin und Hitler. Sie sitzen vor dem großen Scherbenhaufen (hier als kolossaler Stuhlhaufen im Bühnenbild von Manuela Freigang) des bevorstehenden Krieges, nichtsahnend, verhaftet in ihrem Alltag, bestimmt durch Ängste, Verliebtheit, Wut, Ratlosigkeit und die Sinn-Suche.

Sie sind die Hauptfiguren in Florian Illies Bestsellerwerk „1913“. Der literarische Text „1913“ geht über den Informationsgehalt eines Sachbuchs hinaus, indem Illies durch klug ausgesuchte Zitate Stimmungen aus dem Jahr vor der großen „Urkatastrophe“ einfängt. Trotz all der künstlerischen Umbrüche, die das Jahr lieferte, zeugen diese nicht zuletzt davon, wie sehr auch die großen Künstler dieser Zeit mit sich haderten und mit ihren persönlichen Sorgen beschäftigt waren.

Genau dort setzt auch die Uraufführungsinszenierung des rumänischen Regisseurs Vlad Massaci am Theater Oberhausen an, die sowohl aus den historischen Beiträgen als auch aus dem Roman selbst zitiert. Oskar Kokoschkas Eifersucht, Else Lasker-Schülers Hang zu den falschen Männern, Thomas Manns persönlich verstrickter Hass auf seinen schärfsten Kritiker Alfred Kerr. Dabei wird auch gern mal etwas überzogen: Rilke ist ein etwas zu lachhaft gestalteter Mimosen-Dandy, und Lou Andreas-Salomé, seine übergroße Lebens-Freundin, schleicht als Katze durch Sigmund Freuds Wiener Wohnung. Allesamt werden sie getrieben vom Fieber ihrer privaten Nöte, ohne die antanzenden Viren des bevorstehenden Krieges überhaupt wahrzunehmen. Hitler und Stalin werden zu den Nebenfiguren reduziert, die sie zu dieser Zeit noch waren. Der künftige Massenmörder Adolf Hitler, im Jahr 1913 noch erfolgloser Außenseiter, wird in Chaplin-Stummfilm-Manier beim Entenfüttern im Park parodiert. Alle anderen Entwicklungen – die Verschlafenheit des Kaisers und das Verschwinden der Mona Lisa aus dem Louvre werden banalisierend immer in einem Atemzug genannt – bleiben bloße Randnotizen.

Die Frage, ob wir im Jahr 2013 Parallelen finden zu dieser Zeit, ob wir uns überhaupt so sehr von diesen Menschen unterscheiden, beantwortet nicht zuletzt der traurige Kafka – famos dargestellt durch einen liebevoll-ironischen und zugleich ernsthaft agierenden Sergej Lubic –, der offenlegt, dass die Neurasthenie des 19. Jahrhunderts nichts anderes ist als das Burn-Out des 21. Jahrhunderts. So großartig die Einsicht ist, sie stellt sich bereits nach kurzer Zeit ein. Und so bieten die Illustrationen der Verharmlosung zwar kluge Unterhaltung, doch diese Essenz hätte auch knapper ausgekocht werden können. Zu sehr bleibt das Stück streckenweise hier verhaftet, werden auf der Bühne Ideen wiederholt. Die Frage, ob auch wir bloß eine Ruhe vor dem Sturm erleben und Eskalationspotenziale nicht erkennen, muss der Zuschauer sich selbst beantworten. Er muss die Bezüge zu den modernen Risiken selbst herstellen, zu Giftgasanschlägen und internationalen Spannungen. Vielleicht ist das die Anregung, die Massacis Inszenierung birgt.

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